Presse nach der Revolte

Die Mel­dun­gen überschla­gen sich. Waren vor der Revolte einige Zeitun­gen bere­its auf die Not­lage unter den schle­sis­chen Webern und Spin­nern einge­gan­gen, überschla­gen sich jetzt die Nachrichten und ver­bre­iten sich in Deutsch­land. Auch eine allmächtige Zen­sur kann dies nicht verhindern.

Beilage zu Nr. 131 der priv­i­le­girten Schle­sis­chen Zeitung, 7. Juni 1844

Bres­lau, 6. Juni. Es haben am 4ten d. Mts. bedauer­liche Exzesse von seiten der Baumwollenweberei-Fabrik-Arbeiter in Peter­swal­dau und Lan­gen­bielau stattge­fun­den, welche die Zer­störung der Werk­stät­ten und des son­sti­gen Eigen­tums von einem Fab­rik– und Hand­lung­shause in Peter­swal­dau und einem zweiten in Lan­gen­bielau zur Folge gehabt haben. Die erforder­lichen Maßregeln sind von seiten der Mil­itär– und Zivil-Behörden getrof­fen wor­den und lassen auch die neuesten einge­gan­genen Berichte erwarten, daß jetzt schon der gewöhn­liche Zus­tand der Ruhe an bei­den Orten wieder­hergestellt sei.

Deutsche All­ge­meine Zeitung Nr. 160, 8. Juni 1844

Aus Schle­sien, 4. Juni. Soeben hat ein Haufe Weber aus Peter­swal­dau, Lan­gen­bielau und der Umge­gend in Peter­swal­dau (dem Kon­sis­to­ri­al­präsi­den­ten Grafen Stol­berg gehörig) die Gebäude und Vor­räte des Fab­rikan­ten Zwanziger demoliert und zer­stört. Die Fam­i­lie des Zwanziger ist auf das Schloß des Grafen Stol­berg geflüchtet. Das angemessene Ein­schre­iten der Predi­ger Schnei­der und Knüt­tel hat vor­läu­fig weit­eren Unfug gehemmt, wozu Gel­dausteilun­gen des Fab­rikan­ten Wagenknecht, der sein Haus nur durch diese bewahrt hat, beige­tra­gen haben mögen. Es ist Mil­itär aus Schwei­d­nitz requiri­ert, das jeden Augen­blick erwartet wird.

Deutsche All­ge­meine Zeitung Nr. 162, 10. Juni 1844

Bres­lau, 6. Juni. Die Nachricht wird Ihnen wohl schon zugekom­men sein, daß in der Gegend von Reichen­bach und namentlich in Peter­swal­dau und Lan­gen­bielau mehrere tausend arme Weber sich rot­tiert haben und seit zwei Tagen tumul­tu­ieren sollen (Nr. 160). Die Fab­riken der ansehn­lich­sten Hand­lung­shäuser, z. B. Zwanziger u. a., sollen demoliert wor­den und selbst die Hand­lungs­bücher und Papiere ver­nichtet sein. Schon gestern ist eine Mil­itär­di­vi­sion von Schwei­d­nitz mit schw­erem Geschütz gegen die Ruh­estörer marschiert. Heute sind auch von Bres­lau eiligst mit der Freiburger Eisen­bahn Schützen und Mus­ketiere abge­gan­gen, die schwere Kaval­lerie des­gle­ichen. Von Ohlau sind die Husaren requiri­ert, nach Neisse, Glo­gau, Glaz und anderen Gar­nison­sstädten gin­gen heute Stafet­ten deshalb ab. Der Ober-Präsident von Mer­ckel sowie der kom­mandierende Gen­eral Graf von Bran­den­burg sind eben­falls schon auf dem Schau­platz. (Auf­fal­l­end erscheint es, daß sowohl die “All­ge­meine Preußis­che Zeitung” vom 9. wie die “Schle­sis­che” und “Bres­lauer Zeitung” vom 6. Juni — die bei­den let­zten vom 4. und 5. Juni sind uns nicht zugekom­men — dieser Vor­fälle noch mit keiner Silbe erwäh­nen. Die Red.)

All­ge­meine Preußis­che Zeitung Nr. 160, 10. Juni 1844

Berlin, 9. Juni. Aus Schle­sien eingetrof­fene Berichte melden, daß am 4ten d. M. ein Tumult der Baumwollenweberei-Arbeiter in den Dör­fern Peter­swal­dau und Lan­gen­bielau stattge­fun­den hat, bei welchem mehrere Fab­rikge­bäude demoliert wor­den sind. Es wurde sofort Mil­itär aus Schwei­d­nitz requiri­ert, welches, nach­dem jede gütliche Auf­forderung zur Ruhe verge­blich gewe­sen war, von seinen Waf­fen Gebrauch machen mußte, infolgedessen mehrere Tumul­tuan­ten tot auf dem Platze blieben. Nach den getrof­fe­nen ener­gis­chen Maßregeln durfte man beim Abgang der Berichte erwarten, daß fernere Exzesse nicht vorkom­men würden.

Die “Deutsche All­ge­meine Zeitung” zitiert diese Mel­dung der “All­ge­meinen Preußis­chen Zeitung” in Nr. 163 vom 11. Juni 1844 und ergänzt sie durch fol­gen­des Zitat aus der “Leipziger Zeitung”:

Über den Grund dieser Vorgänge berichtet ein Schreiben aus Bres­lau in der “Leipziger Zeitung” fol­gen­des: “Die Weber waren bisher in den Büch­ern der Kau­fleute tief ver­schuldet. Die Kauf­leute suchten sich durch die Arbeiten der Weber nach und nach, so gut es ging, bezahlt zu machen. Nun kamen die vie­len Wohltä­tigkeitsvereine mit direk­ten Bestel­lun­gen und besseren Löh­nen. Die Weber arbeit­eten also nur für die Vere­ine, die Kau­fleute er­hielten keine Befriedi­gung durch Arbeit und dro­hten mit Exeku­tion, wenn sie die Schulden nicht in barem von den Webern er­hielten. Diese Dro­hun­gen scheinen die Weber gereizt zu haben. Daher der Auf­s­tand: Nicht gegen die Regierung oder Verwal­tung, son­dern gegen die Schuld­bücher der Kau­fleute und Fabri­kanten. Diese Bücher sollen meist zer­schnit­ten und ver­nichtet wor­den sein, wo man ihrer hab­haft wurde.”

Berlin­is­che Nachrichten von Staats– und gelehrten Sachen Nr. 133, 10. Juni 1844

Aufruf

Mit recht schmer­zlichem Gefühle mache ich den Ein­wohn­ern von Lan­gen­bielau bekannt, daß ich den Befehl bekom­men habe, mit Infan­terie und Artillerie in diesen mir seit lan­gen Jahren so lieb gewor­de­nen Ort einzurücken, um Unord­nun­gen und Exzesse zu ver­hüten, welche lei­der nach dem, was vorge­fallen ist, noch zu fürchten sind. Ich erk­läre hier­mit, daß bis jetzt noch kein Gewehr und Geschütz scharf geladen ist und hege auch die Hoff­nung, daß ich ebenso friedlich, wie ich eingerückt bin, auch wieder aus­rücken werde. Ebenso bes­timmt aber erk­läre ich auch öffentlich, daß ich bei vork­om­mender Wider­set­zung gegen die Anord­nun­gen und Vorschriften der Zivil– und Polizeibehör­den sofort von der Gewalt der Waf­fen Gebrauch machen werde. Um die Ord­nung im Bere­ich der Trup­pen aufrechtzuer­hal­ten, muß ich ver­lan­gen, daß alles Zusam­men­treten von mehr als 5 oder 6 Men­schen ver­mieden werde. Die Patrouillen, welche ich durch das Dorf schicke, haben den Befehl, alle Leute, die sich in größerer Anzahl ver­sam­meln, zuerst höflichst zu ersuchen, auseinan­derzuge­hen, bei Nicht­be­fol­gung dieser Bitte aber aufs entsch­ieden­ste das Ver­lassen der Straße zu fordern und schließlich mit Gewalt durchzuset­zen. Auch muß ich wün­schen, daß nach Verord­nung der Polizeibehörde in den Wirtshäusern für jetzt keine Ver­samm­lun­gen gehal­ten wer­den, indem die Nicht­be­fol­gung dieser Anord­nun­gen für Wirte und Gäste die übel­sten Fol­gen haben kön­nte. Ganz beson­ders aber wende ich mich nun noch schließlich recht ver­trauensvoll an die alten bewährten Landwehrmän­ner des ehe­ma­li­gen Schwei­d­nitzer Landwehr-Bataillons, die mich wohl noch genügsam ken­nen wer­den und gewiß überzeugt sind, daß ich in Lan­gen­bielau nie­mand übel­will. Von ihnen hoffe ich ganz bes­timmt, daß sie mich auf alle Weise in meinen Bestre­bun­gen unter­stützen wer­den, Ruhe, Friede und Ein­tra­cht in ihrer Mitte wiederherzustellen.

Lan­gen­bielau, den 6. Juni 1844
von Schlicht­ing, Major und Bataillons-Kommandeur

Berlin­is­che Nachrichten von Staats– und gelehrten Sachen Nr.133, 10. Juni 1844

Aufruf

Soeben hier eingetrof­fen, finde ich Bielau in einem Zus­tande, welchen ich nie zu sehen gefürchtet habe. Ist noch ein Funke Eurer alten Liebe und Anhänglichkeit an Eure Grund­herrschaft in Euren Herzen, lebt noch ein Gefühl für Ord­nung und Recht in Euch, so bitte, so beschwöre ich Euch, entsagt allem sträflichen Unternehmen und kehrt in den Zus­tand zurück, welchen so lange zu bewahren Euer Ruhm war. Glaubt nicht, daß ein anderes Inter­esse als das für Euer Wohl, für den Ruf Eures Orts, mich diese Bitte an Euch tun läßt. Ich hege noch die Überzeu­gung, daß, wenn nicht ein unglück­liches Unge­fähr mich in diesen Tagen von Euch fer­nge­hal­ten hätte, Auftritte, die— ich kann es nicht ver­hehlen — Euch schän­den, vielle­icht unterblieben wären. Nun zu Euch zurück­gekehrt, will ich es ver­suchen, in Eurer Mitte und unter Euch in Güte die Ord­nung wieder­herzustellen, welche sonst unaus­bleib­lich und gewiß strenge und durch die Gewalt der Waf­fen wieder aufrechter­hal­ten würde. Gott und Eure Liebe mögen mich hierin unter­stützen.
Lan­gen­bielau, den 6. Juni 1844
Graf von Sandreczky-Sandraschütz

Beilage zu Nr. 134 der priv­i­le­girten Schle­sis­chen Zeitung, 11. Juni 1844

Bres­lau, 10. Juni. Nach den aus Lan­gen­bielau über die dort stattge­fun­de­nen Exzesse einge­gan­genen Nachrichten waren am 5ten d. [Mts.] bei dem ersten notwendi­gen Ein­schre­iten des Mil­itärs einige Men­schen tot­ge­blieben und mehrere ver­wun­det, die öffentliche Ruhe und Sicher­heit hiernächst aber bald wieder­hergestellt wor­den. Diese Ruhe dauert auch fort, so daß schon ein Teil des in dasige Gegend abgerück­ten Mil­itärs zurück­ge­zo­gen wor­den ist. Die Schuldigen sind, ohne allen Wider­stand zu finden, ver­haftet wor­den und erwarten die geset­zliche Strafe.

Aach­ener Zeitung Nr.162, 11. Juni 1844

Vom Fuße der Hohen Eule, 5. Juni. Unter den Leinwand-Manufaktur-Distrikten Schle­siens nimmt der kleine, aber stark bevölk­erte Reichen­bacher Kreis eine der ersten Stellen ein, denn in ihm befinden sich Fabrik-Dörfer wie Lan­gen­bielau und Peter­swal­dau, wo das erste allein 12 000 Ein­wohner zählt. Prachtvolle Gebäude, nur sel­ten von ländlichen Feldbauer-Wirtschaften unter­brochen, geben ihm nicht nur ein städtis­ches, son­dern fast großstädtis­ches Ausse­hen; aber in ihm und umher, in den kleinen Gebirgs-Dörfern, herrscht das bit­ter­ste Elend unter den von hochmüti­gen Fab­rikan­ten (wie sie genannt wer­den) geknechteten Leinwand-, jetzt meis­ten­teils Baumwoll-Webern. Die Beze­ich­nung “a Bielauer Waber” bringt dem näch­sten Umwohner das kläglich­ste Bild eines ble­ichen, schwind­süchti­gen, augen­schwachen Men­schen vor die Seele, der mit seinem Gebirgsstabe in der Hand, mit blauer Lein­wand­jacke bek­lei­det, müh­sam sein Lein­wand­schock in das Tal hin­ab­schleppt. — Und diese >armen, siechen Men­schen sind auf­ständisch gewor­den<. Wahrlich, die Not muß unerträglich gewe­sen sein! Schon vor Wei­h­nachten hatte in Bielau ein bedeu­ten­der Auflauf stattge­fun­den. Mehrere Hun­derte dieser Unglück­lichen waren mit Trom­mel und Trompete in den herrschaftlichen Hof gezo­gen und hat­ten den Grafen S(andraschütz) zu sprechen gewün­scht. Als man aber ihre Sprecher gefan­genset­zen wollte, hat­ten die übrigen so dro­hende Anstal­ten gemacht, daß man sie sofort freiließ und die ganze Menge mit den besten Ver­sprechun­gen zu begüti­gen suchte. Man hat, glaube ich, auch einiges getan. Nun aber haben sich gestern abend in dem eine Stunde davon gele­ge­nen Peter­swal­dau weit beden­klichere Vor­fälle zuge­tra­gen. Das Hand­lung­shaus Z.(wanziger) u. S.(öhne) hatte sich seit langer Zeit durch die gewöhn­liche, lein­wand­kaufmän­nis­che Men­schen­fre­undlichkeit den Webern so ver­haßt gemacht, daß ein aufmerk­samer Beobachter einen endlichen Aus­bruch dieses Has­ses vorausse­hen mußte. Die Lei­den­schaft gebiert Dichter. und so war denn auch unter den Webern, man weiß nicht wie, ein Spottgedicht ent­standen, in dem sich ihre Gesin­nung gegen die hartherzi­gen Fab­rikan­ten sehr erbit­tert kundgab. Seit Pfin­g­sten unge­fähr sang man die Spott­verse allabendlich vor der Woh­nung von Z. u. S. ab. Endlich, als am gestri­gen Abende wieder ein bedeu­ten­der Haufe diese Ehren­bezeu­gung dem Hause dar­brachte, ver­liert der Chef des­sel­ben die Geduld und läßt einige der ärgsten Schrei­hälse fes­t­nehmen. Die Nachricht hier­von ver­bre­itet sich wie ein Lauf­feuer. Die Menge der Weber ver­größert sich von Minute zu Minute, selbst aus den benach­barten Dör­fern wer­den Hil­f­strup­pen requiri­ert. Mit Schreien und Toben drin­gen sie an, zer­schmettern die Türen, sämtliches Mob­liar und bemächti­gen sich der Kasse, deren Inhalt sie unter sich verteilen. Die Bewohner des Palais hat­ten sich vorher geflüchtet. Von dort ziehen die Aufrührer zu einem anderen Fab­rikan­ten, der sich eben­falls durch >Zwacken am Lohne< ver­haßt gemacht hatte. Dieser weiß aber die Gefahr von sich abzuwen­den, indem er eine namhafte Summe Geldes unter die Leute austeilt und sich für die Zukunft anheis­chig macht, scho­nen­der zu ver­fahren. Für diesen Augen­blick ist die Ruhe wieder­hergestellt, aber — es herrscht solche Wut und Erbit­terung unter dem armen Volke, daß es einer großen Vor­sicht von seiten der Behörde bedür­fen wird, sollen diese bedauer­lichen Auftritte sich nicht wiederholen.

All­ge­meine Preußis­che Zeitung Nr.161, 11. Juni 1844

Berlin. 10. Juni. Wir sehen uns heute in den Stand gesetzt, unsere gestrige vor­läu­fige Mit­teilung über die Exzesse der Baumwollen-Fabrikarbeiter im Reichen­bacher Kreise durch fol­gende Details, die zugle­ich zur Ver­hü­tung von Entstel­lun­gen dienen mögen, zu ergänzen. Der am 4. d. M. zu Peter­swal­dau aus­ge­broch­ene Tumult, welcher, wie bere­its gemeldet, gegen einen dor­ti­gen Fab­rikun­ternehmer gerichtet war und die Demolierung der Woh­nung des­sel­ben sowie die Ver­nich­tung des Haus­rats und der Waren­vor­räte zur Folge hatte, wobei der Eigen­tümer sich samt seiner Fam­i­lie nur mit Mühe durch die Flucht ret­ten kon­nte, tat sofort die Unzulänglichkeit der den Behör­den zu Gebote ste­hen­den Mit­tel zur Unter­drück­ung des Exzesses dar. Die lan­drätliche Behörde sah sich daher ver­an­laßt, von der Kom­man­dan­tur zu Schwei­d­nitz Mil­itärhilfe zu requiri­eren, die ihr auch sogle­ich in einem Kom­mando von 200 Mann Infan­terie unter Anführung eines Stab­sof­fiziers gewährt wurde. Durch das Ein­schre­iten der bewaffneten Macht wur­den die Tumul­tuan­ten aus den Trüm­mern der zer­störten Gebäude ent­fernt und die Ruhe und Ord­nung in Peter­swal­dau wieder­hergestellt. Kaum war dies geschehen, als die Nachricht von dem Aus­bruche eines zweiten Tumults in dem nahegele­ge­nen Fab­riko­rte Lan­gen­bielau, mit mehr als 10 000 Ein­wohn­ern, ein­traf. Da, der Mel­dung zufolge, auch hier mit Zer­störung der Fab­riken gedroht wurde, so brach der die Mil­itär­ma­cht befehli­gende Offizier auf der Stelle mit 160 Mann nach Lan­gen­bielau auf, während 40 Mann als Besatzung in Peter­swal­dau zurück­blieben. Die Bewe­gung in Lan­gen­bielau war inzwis­chen gle­ich­falls rasch vorgeschrit­ten. Ein dor­tiger Kauf­mann hatte den­jeni­gen, die ihn vor der dro­hen­den Menge schützen wür­den, Geld ver­sprochen, und da die Zahlung dieser Beloh­nung etwas stockte, brach der Aufruhr plöt­zlich los. Ein jenem Kauf­mann zuge­höriges Haus wurde gestürmt und demoliert und die Zer­störung eines zweiten nur durch das unter­des von Peter­swal­dau herangekommene Mil­itär ver­hin­dert. Inzwis­chen schwoll der Haufe der Aufrührer immer mehr an; die vorschriftsmäßige Auf­forderung zum Auseinan­derge­hen ward mit Stein­wür­fen beant­wortet. Da hier­durch mehrere Sol­daten schwere Ver­let­zun­gen empfin­gen, so mußte der kom­mandierende Offizier von der Feuer­waffe Gebrauch machen lassen, wodurch einige der Tumul­tuan­ten — die Angaben schwanken zwis­chen 5 und 9— getötet und mehrere ver­wun­det wur­den. Da aber, des hier­durch zur Stelle erre­ichten Effekts ungeachtet, die Zusam­men­rot­tung im ganzen fortwährend mehr anwuchs (es sollen an 2000 Mann mit Steinen und Knüt­teln bewaffnet dem Mil­itär gegenüberge­s­tanden haben), so hielt der befehli­gende Offizier es für ger­aten, sich zunächst mit den Trup­pen in Verbindung zu set­zen, welche er zu seiner Ver­stärkung von Schwei­d­nitz zu erwarten hatte und bis zu deren Ankunft eine passende Stel­lung einzunehmen. Der Sukkurs ward, nach Weisung des Gen­eral– Kom­man­dos zu Bres­lau, durch die Kom­man­dan­tur von Schwei­d­nitz gewährt. Vier weit­ere Kom­panien gin­gen sofort ab, um Lan­gen­bielau zu beset­zen. Am 6. Juni früh waren nach den neuesten Berichten Peter­swal­dau und auch Lan­gen­bielau ruhig, nach­dem jedoch tags zuvor am let­zteren Orte auch das früher durch das Mil­itär beschützte Gebäude demoliert wor­den war. Soweit die uns bis jetzt zuge­gan­genen Nachrichten, denen wir noch hinzufü­gen, daß von seiten der ober­sten Zivil– und Mil­itär– Behör­den der Prov­inz die kräftig­sten und schle­u­nig­sten Maßregeln ergrif­fen wor­den sind, um der Wiederkehr ähnlicher Auftritte wie den obi­gen rechtzeitig zuvorzukom­men. Ein zufäl­liges Zusam­men­tr­e­f­fen ist es, daß in der Nacht vom 6. zum 7. und vorn 7. zum 8.d. M. in Bres­lau unbe­deu­tende Straße­nau­fläufe stattge­funden haben, welche, durch das Unterbleiben eines bei der Ankunft Sr. König]. Hoheit des Prinzen Adalbert8 erwarteten Zapfen­stre­ichs ver­an­laßt, von Handw­erks­ge­sellen und Lehrlin­gen aus­ge­gan­gen waren. Die Exzesse beschränk­ten sich auf das Ein­wer­fen von Fen­ster­scheiben; mehrere der Ruh­estörer wur­den ver­haftet. Das zweck­mäßige Zusam­men­wirken der königlichen und städtis­chen Behör­den sowie die all­ge­meine Entrüs­tung der Bürg­er­schaft lassen erwarten, daß eine Wieder­hol­ung nicht statt­finden wird.

Aach­ener Zeitung Nr. 163, 12. Juni 1844

Bres­lau, 6. Juni. Soeben erfahren wir, daß die Weber der Gebirgs­dör­fer Bielau, Peilau, Peter­swal­dau usw. in vollem Ruf­s­tande sind. Heute mor­gen fand eine große Bewe­gung unter dem hiesi­gen Mil­itär statt, und jeden Augen­blick kann man den General-Marsch schla­gen hören. Die Schützen-Abteilung ist schon nach dem Schau­platz der Unruhen mit der Eisen­bahn abge­gan­gen, da die von Schwei­d­nitz aus dahin kom­mandierte Infan­terie bei den Unruh­es­tiftern nichts aus­richten kon­nte. Sogar sollen mehrere Offiziere ver­wun­det sein. Der Weber sind 20 000 beisam­men, — wobei man füglich ein Frageze­ichen machen sollte. Andere geben deren Zahl auf 5000 an. Die Ursache des Auf­s­tandes ist der Hunger. Mehrere Fab­rikbe­sitzer in Lan­gen­bielau sind schon oft um Erhöhung des Arbeit­slohnes ersucht wor­den, — allein vergebens. Gestern brach der Sturm los. Häuser wur­den demoliert, Fen­ster einge­wor­fen und die vorhan­de­nen Papiere ver­nichtet. Viele Staats-Schuldscheine, Aktien u. dgl. sind ein Raub der Zer­störungswut gewor­den. Gestohlen soll nichts sein. Bis heute 12.00 Uhr trafen schon 5 Estaffetten9 ein. Man ist ges­pannt auf den Aus­gang, d. h. ob man die Weber und überhaupt den Pau­peris­mus mehr berück­sichti­gen werde als jetzt, denn daß in weni­gen Tagen die Unruh­es­tifter ver­haftet und die anderen wieder an ihrer Arbeit sind, scheint uns wahrschein­lich. Allein, wenn man gerechte Kla­gen nicht hört, wenn die Her­ren Fab­rikan­ten allein ver­di­enen wollen,— wer bürgt für die Wieder­hol­ung solcher Szenen, wer beklagt jene Her­ren, denen in den let­zten Tagen so viel Schaden erwach­sen ist. Der König ver­weilt jetzt in Schle­sien, vielle­icht überzeugt er sich selbst an Ort und Stelle, wie die Sachen in unserem Gebirge stehen.

Berlin­is­che Nachrichten von Staats– und gelehrten Sachen Nr.135, 12. Juni 1844

Bres­lau, 7. Juni. Seit drei Tagen drän­gen sich die Nachrichten, welche hier über die unter den Fab­rikar­beit­ern und Webern aus­ge­broch­enen Unruhen im Reichen­bacher Kreise ver­bre­itet wor­den. […] Der Kauf­mann Zwanziger ließ endlich zwei der unruhig­sten fes­t­nehmen, wodurch die Erbit­terung so gesteigert wurde, daß sich die Leute, welche aus der Nach­barschaft schnell ver­stärkt wor­den, zusam­men­rot­teten und das Innere des Kauf­mannshauses gän­zlich zer­störten. Man erzählte, daß das Geld aus den Kassen auf die Straße gewor­fen, sämtliche Waren, Papiere, Bücher und Klei­dungsstücke aber zer­hackt und auf alle Weise ver­nichtet wor­den seien. Ein anderer Kauf­mann ret­tete sich nur dadurch, daß er sich mit dem ver­sam­melten Haufen in Unter­hand­lun­gen ein­ließ und eine namhafte Summe Geldes unter sie verteilte. Die indes immer mehr ver­stärkte Menge begab sich nun nach Lan­gen­bielau, wo sie auf das Fab­rikant Dierigsche Haus los­ging, weil gewisse Ver­sprechun­gen, im Falle der Vertei­di­gung und Ver­scho­nung, den Arbeit­ern nicht gehal­ten wor­den wären. Wie groß die Erbit­terung gewe­sen sein muß, geht daraus her­vor, daß man auf die erlassene Auf­forderung des inzwis­chen aus Schwei­d­nitz requiri­erten Mil­itärs, sich auseinan­der zu begeben, nicht Rück­sicht nahm und es endlich, nach­dem ein­mal blind gefeuert wor­den war, zum schar­fen Feuern kom­men ließ, wodurch mehrere getötet und ver­wun­det wur­den. Fast die ganze Besatzung der Fes­tung Schwei­d­nitz ist aus­gerückt und jetzt vor­läu­fig durch die hiesi­gen Schützen, welche gestern früh durch einen Extra-Zug der Breslau-Freiburger Eisen­bahn an Ort und Stelle befördert wur­den, ersetzt wor­den. Aus Brieg ging gestern abend auf dem­sel­ben Wege Mil­itär hier nach den beun­ruhigten Dis­trik­ten durch. — Wieweit diese trau­rige Katas­tro­phe, zu welcher sich schon seit einem Jahre aller­hand Anze­ichen kundgaben, jetzt gediehen sein mag, ist hier noch nicht bekannt, so viel ist aber gewiß, daß auch später noch gütliches Zure­den nichts gefruchtet hat. Man fürchtete sogar, daß die Menge noch vor ihrer Unter­drück­ung nach Freiburg ziehen kön­nte, um dort die Etab­lisse­ments des Hauses Kram­sta völ­lig zu ver­nichten. Wie wir hören, sind die Ver­stärkun­gen der Mil­itär­ma­cht, zum Teil mit Kanonen, in der Gegend von Peter­swal­dau und Lan­gen­bielau eingetrof­fen, und in Reichen­bach haben sich die bürg­er­lichen Schützen-, Grenadier– und übrigen Bürg­erkom­panien bewaffnet, um die Tore und öffentlichen Plätze zu beschützen.

All­ge­meine Preußis­che Zeitung Nr.163, 13. Juni 1844

Berlin, 12. Juni. Nach den neuesten aus Schle­sien eingetrof­fe­nen Nachrichten ist zwar auch in Alt-Friedland, im Walden­burger Kreise, ein Exzess vorge­fallen, welcher mit dem am 4. Juni in Peter­swal­dau verübten in nahem Zusam­men­hange steht, indem mehrere Haufen Tumul­tuan­ten in Alt-Friedland am 7. Juni die Woh­nung eines Hand­lungs­ge­hil­fen aus der in Peter­swal­dau zer­störten Fab­rik überfallen und die vorhan­de­nen Waren­vor­räte, Garne und Gelder der Plün­derung preis­gegeben haben. Weit­ere Exzesse sind jedoch, ohne daß es mil­itärischer Hilfe bedurfte, durch die Maßregeln der Zivil­be­hör­den ver­hin­dert wor­den.
In Leut­manns­dorf, im Schwei­d­nitzer Kreise, hat ein starker Zusam­men­lauf von Tumul­tuan­ten stattge­fun­den, diese haben sich indes durch die Anmah­nun­gen und War­nun­gen der Behör­den von allen Exzessen abhal­ten lassen.
In Peter­swal­dau und Lan­gen­bielau ist die Ruhe vol­lkom­men wieder­hergestellt und im übrigen in keinem Teile des Gebirges, weder im Regierungs­bezirk Bres­lau noch in dem der Regierung zu Lieg­nitz, gestört wor­den. Gegen etwaige Ver­suche, Exzesse zu wieder­holen, sind die erforder­lichen Maßregeln getrof­fen, die Rädels­führer befinden sich in Schwei­d­nitz in Haft und die gerichtliche Unter­suchung ist bere­its eingeleitet.

Trier’sche Zeitung Nr. 165, 13. Juni 1844

Bres­lau, 5. Juni. Der fort­dauernde Not­stand der schle­sis­chen Gebirge, wo eine Bevölkerung von mehr als 50 000 Men­schen im tief­sten Elende schmachtet, wo tat­säch­lich bere­its manche ver­hungert sind, wo laut unsern Zeitun­gen erst kür­zlich ein Mann aus Nahrungs­man­gel seine Kinder erwürgt und sich dann selbst erhängt hat, hat endlich eine trau­rige Katas­tro­phe her­beige­führt. Gestern ist im Reichen­bacher Kreise unter dieser Bevölkerung ein Auf­s­tand aus­ge­brochen. Noch fehlen genauere Nachrichten über diese Vor­fälle. Gewiß ist, daß die Häuser und Fab­riken mehrerer reicher Lein­wand­kau­fleute in dem Dorfe Peter­swal­dau und den anliegen­den Dör­fern gestürmt, geplün­dert und demoliert wor­den sind und daß die Kau­fleute selbst nur durch Hingabe ihres gesamten baren Ver­mö­gens sich vom Tode haben ret­ten kön­nen. Aus der Fes­tung Schwei­d­nitz sind heute anderthalb Batail­lone Lin­ien­mil­itär in die aufrührerischen Dis­trikte gesandt wor­den. Wenn man die ursprüngliche Ehrlichkeit und Gut­mütigkeit unserer Gebirgs­be­wohner kennt, so weiß man, daß nur die äußer­ste Not sie zu verzweifel­ten und geset­zlosen Schrit­ten getrieben hat. Diese Vorgänge liefern jetzt fak­tisch den Be­weis, daß die Mißver­hält­nisse der indus­triellen Arbeit und ihrer Ver­w­er­tung bei uns bere­its densel­ben Grad wie in Frankre­ich und Eng­land erre­icht haben. —
Nach­schrift, 6. Juni früh. Soeben sind auf dem Bahn­hofe der Freiburger Eisen­bahn mehrere Abteilun­gen der hiesi­gen Schützen­gar­ni­son nach Schwei­d­nitz befördert wor­den. Man sagt, daß die Trup­pen aus den Dör­fern zurück­ge­wor­fen wor­den sind und auf freiem Felde biwakieren. Sie haben schar­fge­feuert, es ist Blut geflossen. Die Stadt Reichen­bach, wo keine Gar­ni­son liegt, ist ges­perrt. Die Bürg­er­garde hält die Tore mit geladenem Gewehre besetzt. Man fürchtet, daß sich die Auf­stände auch auf andere Gebirgs­bezirke, wo das­selbe Elend herrscht, aus­dehnen. Näch­stens ein Weit­eres und Genaueres.

Aach­ener Zeitung Nr. 164, 13. Juni 1844

Bres­lau, 7. Juni. Zwei Ereignisse wer­den hier jetzt mit einer ungewöhn­lichen Leb­haftigkeit besprochen: Der Auf­s­tand der Weber und die Kabinetts-Ordre in betr­eff des Aktien­han­dels). Über ersteres beobachtet unsere hiesige Presse ein tiefes Stillschweigen, man weiß nicht, aus welchen Grün­den. — Was kön­nte sie wohl wirken, wenn sie hier ver­mit­telnd aufträte! Glaub­würdige Leute, welche direkt von dem Schau­platze der Unruhen kom­men, stellen die Vorgänge sehr bedrohlich dar. Die Zahl der auf­ständis­chen Weber ist bis auf mehrere tausend angewach­sen (die Angabe schwankt zwis­chen 3 und 6000), von denen die meis­ten bewaffnet sind. Nach­dem sie in Peter­swal­dau an den Etab­lisse­ments des Hauses Z.(wanziger) und S.(öhne) ihre Wut aus­ge­lassen und den ganzen Vor­rat von Weben, die Bücher und sämtliche Papiere ver­nichtet, sind sie nach Lan­gen­bielau gezo­gen, woselbst sie viel bedeu­ten­dere Zer­störun­gen vorgenom­men haben. Namentlich sollen sie es auf die Scharkat-Webstühle” abge­se­hen und die meis­ten davon zertrüm­mert haben. […] Diese Auftritte wer­den hof­fentlich dazu beitra­gen, die all­seit­ige Aufmerk­samkeit und tätige Hil­feleis­tung aber­mals den ver­hungern­den Webern zuzuwenden.

Deutsche All­ge­meine Zeitung

Nr. 165 13. Juni 1844

Den Ver­lust, den hiesige und Bres­lauer Gar­nhand­lun­gen durch die Schreck­ensszenen in Schle­sien jeden­falls vorder­hand erlei­den (denn wer soll bezahlen, wenn selbst die Wech­sel zer­ris­sen sind?), schätzt man auf 1/2 Mill. Taler.

Aach­ener Zeitung Nr. 165, 14. Juni 1844

Bres­lau, 8. Juni. Der in Reichen­bach erscheinende >Ober­schle­sis­che Wan­derer< bringt fol­gende Noti­zen über die Weber-Unruhen, die ich Ihnen zur teil­weisen Ver­voll­ständi­gung meiner Berichte hier mit­teile: >Reichen­bach. In dem benach­barten Dorfe Peter­swal­dau haben am 4. und 5. d. M. Auftritte stattge­fun­den, wie sie bisher in Schle­sien noch nicht vorgekom­men sind. Ein großes reiches Kauf­mannshaus hatte die Löhne der Weber gegen frühere Zahlun­gen bedeu­tend her­abge­setzt, was den Unwillen der­sel­ben erregte. Mehrmals hat­ten sie dies geäußert und um bessere Preise für ihre Arbeiten gebeten. So geschah, daß sie, als sie am 4. Juni ihr Gesuch wieder­holten und aber­mals abschläglich beschieden wur­den, im Verein mit Webern anderer Fab­rikdör­fer nach dem genan­nten Kauf­mannshause zogen, vor dem­sel­ben ein Spot­tlied san­gen, dann die Fen­ster der Fab­rik ein­war­fen und hier­auf diese sowie die zu der­sel­ben gehöri­gen Gebäude, fünf an der Zahl, völ­lig zer­störten. Die erbit­terten Weber zertrüm­merten nicht allein sämtliche in den Häusern vorge­fun­de­nen Möbel und Gerätschaften, Bet­ten, Klei­dungsstücke usw., son­dern ver­nichteten auch das sehr reich­haltige Waren­lager roher und fer­tiger Waren oder gaben es der Menge preis. Dies währte vom Abend des 4ten bis Mit­ter­nacht. Die Eigen­tümer der Fab­rik suchten sich mit ihren Ange­höri­gen in Sicher­heit zu brin­gen und begaben sich hier­her (nach Reichen­bach). Die Weber set­zten am Mor­gen des 5ten ihr Zer­störungswerk fort und deck­ten sogar einen Teil der Dächer ab, worauf sie sich, nach­dem ihre Rache gesät­tigt war, ent­fer­n­ten. Als der Vorschlag gemacht wurde, die Gebäude nicht zu demolieren, son­dern kurzweg zu ver­bren­nen, wurde ange­führt, daß dann die Eigen­tümer Brandgelder erhal­ten wür­den, während es jetzt nur gelte, sie eben­falls zu armen Leuten zu machen. Bald nach ihrer Ent­fer­nung traf Mil­itär von Schwei­d­nitz ein, welches man sich von dort erbeten hatte. Das­selbe kam jedoch zu spät auf dem Schau­platze an, und bei der Räu­mung des Gehöftes wurde lei­der ein Mann, der, wie man sagt, keinen Teil an den Exzessen genom­men hatte, durch den Bajonettstich eines Sol­daten in die rechte Seite dergestalt ver­wun­det, daß man an seinem Aufkom­men zweifelt. Als das Mil­itär erschien, war alles bere­its zer­stört, und außer eini­gen Per­so­nen, die handge­mein wur­den, befan­den sich nur ruhig daste­hende Zuschauer auf der Straße des Dor­fes. So endete der zweite ver­häng­nisvolle Tag in Peter­swal­dau. Das Mil­itär marschierte hier­auf zum Teil nach Lan­gen­bielau, wohin die Masse der Weber gezo­gen war und auch noch ander­weit­iges Mil­itär sich befand. Da die Weber auch hier drei Fabrik-Etablissements zer­störten, so ließ der Kom­mandierende nach der frucht­los erlasse­nen Auf­forderung, ‚von ihrem Vorhaben abzu­lassen’ und nach­dem die Weber Steine gewor­fen hat­ten, Feuer geben, wodurch 13 Weber getötet und mehrere teils schwer, teils leicht ver­wun­det wur­den. Der Abend machte dem Kampf ein Ende. Die Weber zogen sich in die Berge und in das Gebüsch zurück, und das Mil­itär bewachte den Ort. […]< Soweit der >Ober­schle­sis­che Wan­derer<. Nach den neuesten hier eingetrof­fe­nen Nachrichten ist die Zahl der aufrührerischen Weber auf 20 000 angewach­sen, worunter 4000 Böh­men sich befinden. Es steht zu besor­gen, daß bin­nen kurzem ihre Zahl sich um das Dop­pelte ver­größert, namentlich aus dem Lan­deshuter Distrikte. — .

All­ge­meine Zeitung (Augs­burg) Nr. 166, 14. Juni 1844

Aus Schle­sien, 8. Juni. Im Kreise Reichen­bach, und zwar in den bei­den volkre­ichen Dör­fern Lan­gen­bielau und Peter­swal­dau, hat sich in den ersten Tagen dieser Woche ein Aufruhr der Baum­wol­len­we­ber gegen die Fab­rikher­ren entspon­nen, der ziem­lich ern­ster Art ist und ein Ein­schre­iten der mil­itärischen Macht nötig gemacht hat. Die niedri­gen Arbeit­slöhne, bei welchen jene Arbei­ter kaum mehr ihr Leben aufs aller­not­dürftig­ste fris­ten kön­nen, sind die Ursache des Aufstandes.

Weser-Zeitung Nr. 141, 16. Juni 1844

Die Ver­an­las­sung zu den zer­stören­den Auftrit­ten in Peter­swal­dau wird nach der >Magde­burger Zeitung< fol­gen­der­maßen angegeben: Am 3. d. M. zog ein Haufe Weber­burschen vor das Wohn­haus des Baumwollen-Fabrikanten Zwanziger (Firma: Zwanziger und Söhne) und sang dort ein die Hand­lungsweise gedachter Her­ren darstel­len­des Lied, das sie schon vorher an die Türen ange­heftet hat­ten, von wo es durch Zwanziger wieder en­fernt wor­den war. Das Lied ist aus dem Bewußt­sein des Kon­trastes zwis­chen der üppi­gen, sich bre­it­machen­den Her­rlichkeit der Fab­rikher­ren und der elen­den Lage der Arbeiter her­vorge­gan­gen. Die Härte Zwanzigers näm­lich in Bedrück­ung der Weber ist sprich­wörtlich gewor­den. (Er war vor 30 Jahren noch ganz mit­tel­los und hat sich jetzt ein Ver­mö­gen von 230 000 Tlr. erwor­ben; beson­ders wird über den einen Sohn des­sel­ben bit­ter geklagt.) Bei dieser Gele­gen­heit gelang es den Fab­rikher­ren, einen der tumul­tu­ar­ischen Sänger in Haft zu bekom­men. Darauf rot­tete sich am fol­gen­den Tage nach­mit­tags um 4 1/2 Uhr ein Haufe Weber von Peter­swal­dau und der näch­sten Umge­bung zusam­men, zog vor die Wohn– und Fab­rikge­bäude der Zwanziger und begehrte die Aus­liefer­ung des Gefan­genen. Als diese nicht erfol­gte, begann das Werk der Zer­störung. Das palas­tar­tige Gebäude wurde der­maßen demoliert, daß davon nichts als die Mauern und das Dach übrig­blieben; die kost­baren innern Ein­rich­tun­gen wur­den zertrüm­mert, alle Möbel durch die Fen­ster hin­aus­gestürzt, Öfen und Fußbö­den zer­stört, die Hand­lungs­bücher nebst allen Brief­schaften ver­nichtet, zum Teil ver­brannt, die vor­räti­gen Waren teils fort­geschleppt, teils unbrauch­bar gemacht, die Kasse erbrochen und das Geld auf die Straße gewor­fen, wo es von dem Haufen der Weiber und Kinder aufge­le­sen wurde. Bemerkenswert ist, daß der ganze Vor­fall im Bei­sein von mehreren ta­send Zuschauern stattge­fun­den, ohne daß ein einziger Lust gezeigt, die Weber von ihrem Begin­nen abzumah­nen. Ehe sie zu Zwanziger gin­gen, kamen sie an dem Hause eines anderen Fab­rikan­ten vor­bei, der vor die Türe trat, und die Weber durch das Aner­bi­eten seines baren Geld­vor­rats (100 Tlr.) und durch die Erin­nerung an seine frühere Hand­lungsweise, die möglichst bil­lig gewe­sen, zu beschwichti­gen suchte. Man antwortete ihm: Auf ihn sei es nicht abge­se­hen, er sei keiner der schlimm­sten; das Geld woll­ten sie nehmen, weil sie es brauchten. Darauf ging es zu Zwanziger. Als das Werk der Zer­störung been­det, zogen sie weiter nach Lan­gen­bielau und namentlich zu den Gebrüdern Dierig, während andere Haufen sich gegen zwei andere dor­tige Fab­rikan­ten wandten. Während sie bei Dierigs plün­derten und demolierten, kam das Batail­lon aus Schwei­d­nitz dazu und gab zuerst in das Gehöft hinein auf die Masse eine blinde Salve. Als dies keinen Erfolg hatte, wurde scharf geschossen, worauf 13 (?) gefallen sind. Die Toten sind den Tag darauf beerdigt wor­den. Anstatt sich abschrecken zu lassen, wurde der Weber­haufe nur um so wüten­der und drang mit Steinen und Knüt­teln auf das Mil­itär ein. Erst nach­dem mehr Mil­itär aus Franken­stein mit Kanonen in die Dorf­schaften ein­rückte, kon­nte den ferneren Zer­störun­gen Ein­halt getan wer­den. — Zu Walden­burg und Freiburg ist bis zum 8ten dieses Monats kein Mil­itär gewe­sen. Die Mas­chine in Wüste­giers­dorf ist noch unversehrt, da sie von den Schützen besetzt ist. Zur Deck­ung der Alber­tis­chen Leingarn-Spinnmaschinen in Ober-Waldenburg ist der Bergrat ermächtigt wor­den, 100 Bergk­nap­pen zu kom­mandieren. Die Tumul­tuan­ten lagern in benach­barten Büschen: Es sollen sich bei ihnen mehrere mit Büch­sen bewaffnete böh­mis­che Raub­schützen und Pascher zeigen.

Mannheimer Abendzeitung Nr. 145, 19. Juni 1844

Berlin, 13. Juni. Den let­zten Briefen aus Schle­sien zufolge haben die Fab­rikher­ren sich dazu ver­standen, den Lohn, welchen sie, namentlich in Lan­gen­bielau, her­abge­setzt hat­ten, zu erhöhen, und die Weber sind größ­ten­teils zu ihren Stühlen zurück­gekehrt. Auch wird die Zahl des ver­sam­melten Haufens jetzt nur auf 4000, die der her­abgekomme­nen Böh­men auf 400 angegeben, die let­ztern haben die ger­aubten Sachen in Sicher­heit gebracht. Die Briefe melden, daß die Weber überall mit der entsch­ieden­sten Wil­len­skraft aufge­treten sind. In einem Fab­rikge­bäude fan­den sie den Keller voll Wein, rührten aber nichts davon an. Man soll nicht sagen, riefen sie, daß wir besof­fen gewe­sen sind. Von welcher Wut sie aber beseelt waren, zeigt uns ein Gedicht, welches sie in Lan­gen­bielau gemacht, und in dem sie die einzel­nen Fab­rikbe­sitzer dieses Ortes mit Namen durch­hecheln. Es ist daher auch nicht zu erwarten, daß diese Bewe­gung sich jetzt schon stillen werde. Der Erfolg, welchen die Aufrührer errun­gen haben, wird sie nur dazu ermuti­gen, bald wieder aufzuste­hen und einen noch höh­ern Lohn zu ver­lan­gen, und sie kön­nen let­zteres noch oft tun, um so viel zu erhal­ten, daß sie einiger­maßen men­schlich le­ben können.

Son­ntags­blatt zur Weser-Zeitung Nr. 19, 23. Juni 1844

Ein Rück­blick ins schle­sis­che Gebirge
(Aus der “Vos­sis­chen Zeitung”)

Bres­lau, 13. Juni. Dem Reisenden, der jetzt den Weg von Schwei­d­nitz nach dem Gebirge zurück­gelegt, kann es wohl, wie mir am 11. d. M., begeg­nen, daß er ein unfrei­williger Zuschauer der Eröffnungs-Szenen zum Nach­spiel des furcht­baren Dra­mas wird, dessen Schau­platz die Dör­fer Peter­swal­dau und Lan­gen­bielau am 4. und 5. d. M. waren. Drüben ver­lieren sie sich mit ihren stolzen prächti­gen Häusern in den Bergen, heut, so scheint es, von einem wahren Gottes­frieden übergossen; hier auf der Chaussee fährt ein Korb­wa­gen an uns vorüber, von Husaren esko­rtiert. Auf ihm sitzt mit vier Infan­ter­is­ten ein Mann im stat­tlichen Bauern­rock, der uns ver­schmitzt und höh­nisch zulächelt. Nach kurzer Frist kommt uns in Lan­gen­bielau selbst ein Hecht-Wagen ent­ge­gen, Husaren, die Pis­tolen zum Anschla­gen bereit in der Hand, umgeben ihn. Auf ihm sitzen drei geschlo­sene Män­ner; zwei der­sel­ben sehen scheu und nach­den­klich vor sich hin, der dritte lacht den Bewohn­ern des Dor­fes zu, welche von allen Seiten her­beiströ­men oder schon erwartungsvoll an den Türen und Fen­stern ste­hen. Ja, es sind die Eröffnungs-Szenen zum Nach­spiel des Dra­mas, das sich jetzt zwis­chen den Mauern der Gefäng­nisse von Schwei­d­nitz entwick­eln wird. Dor­thin, wo sich eine aus Bres­lau abge­sendete Untersuchungs-Kommission befindet und wo am 12. überhaupt 69 der Teil­nahme an den Exzessen vom 5. Bezichtigte inhaftiert waren, bringt man diese vier Indi­viduen, welche neuerd­ings in die Arme der weltlichen Gerechtigkeit gefallen sind. Gehen wir an den einzel­nen, durch andere Häuser getrennt nebeneinan­der liegen­den Gebäu­den der Her­ren Dierig vorüber bis gegen das Ende des Dor­fes, wo ein Weg von Peter­swal­dau ein­mün­det. Das Etab­lisse­ment der Her­ren Hilbert und Andret­zky liegt hier an der Straße und fiel zuerst in Lan­gen­bielau unter den Stre­ichen der Wüten­den. — Noch sehen wir überall auch äußer­lich das Werk der Zer­störung. Kein Fen­ster, nur einige Trüm­mer der Scheiben vom Giebel der Gebäude bis zur Sohle, die Kreuze zer­brochen oder aus­geris­sen, die eis­er­nen Stäbe, wo die Fen­ster mit Git­tern verklei­det sind, zum Teil zer­schla­gen, die Türen da und dort zer­sprengt, vor den Häusern Überreste zertrüm­merter Gerätschaften, an den Wän­den deut­liche Zeichen von zahllosen Stein­wür­fen. Und so treten wir zwar einiger­maßen vor­bere­itet in das Innere ein, aber der erste Blick überzeugt uns, wie unzulänglich alle unsere trüben Erwartun­gen waren. Wir schre­iten über Trüm­mer, wohin sich unser Fuß wen­det; nichts ist ver­schont geblieben, was nicht auch den Hieben einer mit dämonis­cher Wut geschwun­genen Axt wider­steht. Wir sehen nichts als kahle Wände, auf den Fußbö­den in einem wild aufgeschichteten Haufen zer­split­terte Scheiben und Steine, welche sie ver­nichteten, Möbel, nur schwer in den kleinen Stücken zu erken­nen, in welche sie einzeln zer­stückt wor­den sind, zer­ris­sene Papiere und Tape­ten, aufgeschnit­tene Bet­ten, niedergeschla­gene Ofen; was irgend wertvoll war und ohne Schwierigkeit wegge­bracht wer­den kon­nte, ist ver­schwun­den. Nach den Schildereien an den Wän­den sind Axtschläge gerichtet wor­den, das Mauer­w­erk bröck­elt überall nieder, mit so furcht­barer Gewalt wurde von ihm abge­sprengt, was an ihm befes­tigt war. Selbst die Klinken an vie­len Türen sind los­geris­sen. So in den Wohngemäch­ern, so in den Comp­toirs, so auf den höch­sten Böden und im tief­sten Keller. Eis­erne Türen sind aufge­brochen wor­den, wo man Vor­ratskam­mern mut­maßte, nicht das ordinärste Haus­gerät ist der sys­tem­a­tis­chen Ver­wüs­tung ent­gan­gen. In den Kellern finden wir noch die Überreste von Flaschen; in weni­gen Minuten waren sie von der rasenden Rotte aus­getrunken wor­den, und mit blu­ten­den Hän­den, ver­letzt durch die schnell abge­broch­enen Hälse, eil­ten sie wiederum ihrem fin­steren Werke zu. In bei­den Etab­lisse­ments richtete sich der Angriff vorzugsweise gegen die Waren­lager und Material-Vorräte, es sind diesel­ben zum größten Teile ver­schwun­den, und, ich muß es schon hier anführen, nicht ohne Auswahl zwis­chen dem mehr und min­der Kost­baren. Hier liegen noch einzelne Fet­zen, hier zer­schnit­tene Weben, hier umgestürzte Fässer mit Far­ben und anderen Stof­fen. Ich ver­mag nur einzelne Züge des trau­ri­gen Bildes zu entwer­fen, welches die beze­ich­neten Gebäude in Lan­gen­bielau wie Peter­swal­dau noch jetzt nach dem Ver­laufe mehrerer Tage bieten. Nur ist am let­zteren Orte, wenn ich so sagen darf, die Ver­wüs­tung noch auser­lesener und vol­len­de­ter, noch mehr auf das kleine Detail gegan­gen. Man hat hier alles in kleine Stücke zer­schla­gen, selbst die Dachbe­deck­un­gen durch­brochen. Selt­samer­weise haben die Treppen-Geländer in sämtlichen Häusern das gle­iche Los geteilt, ein beson­derer Haß scheint sich gegen diesel­ben gerichtet zu haben; sie sind bis zum Boden hin­auf umgeschla­gen wor­den, und wahrschein­lich wurde an sie immer schließlich die Hand gelegt, weil sonst schwer abzuse­hen, wie nicht der eine oder andere aus der Menge, welche die Räume wild durcheilte, durch einen Fall zu Schaden gekom­men sein sollte. Von einem noch tief­eren Entset­zen muß man ergrif­fen wer­den, wenn man die Überreste der her­rlichen Maschi­nen erblickt, welche in dem Etab­lisse­ment des Herrn Dierig zer­stört wor­den sind. Die hölz­er­nen wie die met­al­lenen Bestandteile der­sel­ben sind gle­ich­mäßig zer­stückt, die stärk­sten eis­er­nen Räder in Stücke zer­schla­gen, kost­bare kupferne Walzen wenig­stens durch einzelne Hiebe mit der raf­finiertesten Bosheit unbrauch­bar gemacht. Von allen diesen schö­nen Jacquard’ schen und Schönherr’schen Stühlen sind nur wenige Trüm­mer zurück­ge­blieben, die aufges­pan­nten Fäden hän­gen durch­schnit­ten nieder. Die Arbeiter, welche an ihnen ihren reich­lichen Unter­halt gefun­den haben, zeigten mir, Trä­nen in den Augen, wie die >Rebellen gewirtschaftet hät­ten<. Nur die große Dampf­mas­chine ist der Ver­nich­tung entron­nen. Der Mas­chin­ist erk­lärte sich, von den Wüten­den aufge­fordert, augen­blick­lich bereit, das Werk zu zeigen, warnte sie jedoch, irgend etwas zu beschädi­gen, weil er für die Fol­gen nicht ste­hen kön­nte. Sie fol­gten ihm, soviel das Gemach faßte, andere war­fen Steine zum Fen­ster hinein, welche glück­lich zum Teil an den eis­er­nen Fen­ster­stäben abprall­ten. Die Mas­chine war in der höch­sten Span­nung. Die Einge­drun­genen musterten sie, erstaunt und ver­wun­dert, tippten sanft an diese und jene Schraube und riefen einan­der zu: Das sei doch sehr schön. Plöt­zlich öffnete sich ein Sicherheits-Ventil, der Dampf brauste, und mit dem Schrei >Hier sei Pul­ver< stürzten sich alle von dem gefährlichen Platze. Wenn ich schon hier bei dem Ver­suche, das zu schildern, was ich selbst gese­hen, die Schwierigkeit meiner Auf­gabe leb­haft fühlte, so wage ich kaum an eine Darstel­lung der E­eignisse vom 4. und 5. Juni zu gehen, weil ich dieselbe nur aus Mit­teilun­gen und Nachrichten Drit­ter zusam­men­fü­gen kann, wenn ich sie auch von den zuver­läs­sig­sten und acht­barsten Per­so­nen emp­fan­gen habe. Dem Richter muß es vor­be­hal­ten bleiben, alle die zahlre­ichen Tat­sachen, in welchen sich das Geschehene charak­ter­is­tisch aus­drückte, in einen organ­is­chen Zusam­men­hang zu brin­gen, und aus ihnen das eigentliche und wahre Motiv, das die Frevler entzün­dete und leit­ete, her­auszuschälen. Ich bin nur imstande, diejeni­gen Angaben, welche nach meinem indi­vidu­ellen Ermessen entweder unzweifel­haft sind oder die höch­ste Wahrschein­lichkeit für sich haben, zu wieder­holen, und mit der aus ihnen gebilde­ten Ansicht zu begleiten.

Trier’sche Zeitung Nr.171, 19. Juni 1844

Berlin, 13. Juni. Die Exzesse in Peter­swal­dau und Lan­gen­bielau haben auch hier nicht geringe Bestürzung erregt. Pri­vat­mit­teilun­gen brachten eine beun­ruhi­gende Nachricht nach der andern. Unter den Blät­tern gab zuerst der Reichen­bacher >Wan­derer< eine detail­lierte Übersicht über die Ereignisse, dann hat die >All­ge­meine Preußis­che Zeitung< sich bemüht, das Fak­tum voll­ständig festzustellen, um Entstel­lun­gen zu ver­hüten. Nach ihrer Darstel­lung würde dem Weit­er­greifen des Auf­s­tandes bere­its ein Ziel gesetzt sein. Es ist in der Tat von der größten Wichtigkeit, daß die Behör­den rasch eingeschrit­ten sind, denn der Punkt ist gefährlich genug, um eine solche kon­tag­iöse Bewe­gung mit Schnel­ligkeit über die ver­wandten, angren­zen­den Bezirke auch andrer deutscher Staaten zu ver­bre­iten. Es erfüllt uns mit Schmerz, daß diese Auftritte, welche vielfach die Ruhe andrer Staaten bedroht haben, nun auch in Deutsch­land Fuß gefaßt haben. Wir fürchten nur zugle­ich, daß die öffentliche Mei­n­ung je nach den ver­schiede­nen Inter­essen sich über die Quelle des Übels gar ver­schiede­nen Vorstel­lun­gen und man­nig­fachen Täuschun­gen hingeben werde. Diejeni­gen, die in dem Auf­blühen der Indus­trie den Fluch der mod­er­nen Zeit erblicken und die deutsche Nation wieder einzig auf die Pflege des Acker­baues zurück­zu­rufen suchen, wer­den in dem Auf­s­tand ein Anze­ichen der die Indus­trie nach ihrer Mei­n­ung notwendig beglei­t­en­den Fol­gen erblicken. Aber der entset­zlich­ste Auftritt dieser Art, der jemals die friedlichen Gaue Deutsch­lands in Schrecken set­zte, der Bauernkrieg im sechzehn­ten Jahrhun­dert, fällt in die Zeiten, wo noch an Indus­trie in Deutsch­land nicht zu denken war; er hatte aber seinen Grund nicht im Acker­bau, sowenig die heuti­gen Auf­stände ihren Grund in der Indus­trie haben, son­dern in den Ver­hält­nis­sen, unter welchen damals von den Bauern der Acker­bau getrieben wurde und welche später­hin allmäh­lich der Bil­dung und dem klaren Be­wußtsein der Frei­heit wichen. So kann auch in den Bedin­gun­gen, unter welchen Indus­trie getrieben wird, niemals aber in der Indus­trie an und für sich der Grund eines argen Übels liegen. Man wird zunächst die Fab­rikher­ren, die Kau­fleute beschuldigen, gegen welche sich auch dies­mal die ganze Wut des Aufruhrs gewen­det hat. Der Arbeiter, dessen Blick in die all­ge­meinen Ver­hält­nisse nicht weit reicht, wälzt immer zuerst alle Schuld seiner betrübten Lage auf den Fab­rikherrn, auf den Kap­i­tal­is­ten, mit dem er zu tun hat, weil er ihn begüterter sieht. Und man behauptet auch in dem vor­liegen­den Falle, daß einige Fab­rikher­ren mit ihren Arbeit­ern nicht ganz glimpflich ver­fahren und dadurch den Anstoß zu der Bewe­gung gegeben haben. Dem sei nun wie ihm wolle, und immer­hin mag bisweilen Härte, Unfre­undlichkeit, Eigen­nutz und Hab­sucht das Ver­hält­nis zwis­chen dem Kap­i­tal­is­ten und dem Arbeiter trüben, so ist es doch ger­ade die Indus­trie und ihr vorteil­hafter Betrieb, welche die, wie man gewöhn­lich voraus­setzt, von Haus aus einan­der feindlich gegenüber­ste­hen­den Mächte, das Kap­i­tal und die Arbeit, einan­der nahe­bringt und die Fähigkeit bei­der ver­wirk­licht. Sie sind beide aufeinan­der innigst bezo­gen, beide bleiben in ihrer bloßen Möglichkeit, in ihrer Nichtigkeit, wo sie nicht zusam­men­wirken. Das Kap­i­tal ist tot, ist gar nicht da, wo es nicht durch die Arbeit ver­w­ertet wird. Die Arbeit kann nicht zus­tande kom­men, wo kein Mate­r­ial da ist, das sie umschaffe und durch dessen Umbil­dung sie sich einen Wert erwerbe. So ist das Schick­sal des Fab­rikherrn und des Arbeit­ers auf das innig­ste verknüpft. Der eine erlangt seine Frei­heit, seine sichere Stel­lung nur durch den andern. Diese Beziehung kann aber nur dadurch dauernd erhal­ten wer­den, abge­se­hen von physis­chen und moralis­chen Eigen­schaften, welche die bei­den Kon­tra­hen­ten mit­brin­gen, daß Arbeit nie dem Arbeiter fehle und daß der Fab­rikherr sein­er­seits einen leichten Absatz seiner Pro­dukte habe, um die Arbeit angemessen zu bezahlen. Ent­fal­tet die Pro­duk­tion eine unge­hemmte Tätigkeit, her­vorgerufen und begleitet von einer aus­gedehn­ten Kon­sum­tion, so wird nir­gends ein Grund zur Klage sein. Der Lohn der einen wird immer aus­re­ichen, der Profit der andern immer beträchtlich sein. Bei solchem Stand der Dinge wird gar kein Anlaß zu Mißver­hält­nis­sen sein, denn sollte dieser oder jener Fab­rikherr seinen Arbeit­ern lästig wer­den oder umgekehrt, so ist durch die Konkur­renz der Fab­rikher­ren wie der Arbeiter dafür gesorgt, daß diese Unbe­quem­lichkeiten leicht gehoben wer­den kön­nen. Der let­zte Grund zu einer all­ge­meinen Bewe­gung kann daher nicht in dem Betra­gen eines einzel­nen Kap­i­tal­is­ten aufge­sucht wer­den, welches nur etwa den zufäl­li­gen Anlaß geben kön­nte, son­dern in einem größern Mißver­hält­nis, über welches auch der Kap­i­tal­ist keine Macht hat. Der weniger weit sehende Arbeiter freilich wird diesem die Schuld allein beimessen. Dazu kommt die Erhitzung der Phan­tasie durch aller­lei schwärmerische The­o­rien. Für den gedrück­ten Arbeiter wird der gröb­ste Kom­mu­nis­mus zur Reli­gion, für welche er auch als Mär­tyrer zu ster­ben sich glück­lich preist. Das Lied, das unter den Arbeit­ern in Peter­swal­dau ver­bre­itet war, soll voll von kom­mu­nis­tis­chen Ansichten sein, und ihr ver­wüs­ten­der Zug hatte nach ihrer Erk­lärung keine andere Absicht, als die, auch die andern zu >armen Leuten< zu machen. So zeigt sich der rohe Kom­mu­nis­mus in seiner ganzen neg­a­tiven Gewalt, da es ihm auf die eine oder andere Weise nur auf Aus­gle­ichung ankommt. Seiner lei­den­schaftlichen Aufre­gung ent­geht es, wie in allen Gestal­tun­gen des sozialen Lebens ger­ade das Ver­schiedene und Ungle­iche ineinan­der­greift und sich gegen­seitig hält und stützt. Aber diesen Wirren ist nicht mit Feuer und Schw­ert ein Ende zu machen. Dem Aus­bruch freilich ist nicht anders zu begeg­nen als mit hem­mender Gewalt, aber den Wirren muß vorge­beugt wer­den. Kom­mu­nis­tis­che Schwärmerei ist die Folge der Zer­rüt­tung sozialer Zustände, ist nur der Aus­druck, den sich das Gefühl ein­geris­sener Unord­nung und das Bedürf­nis nach angemessener Organ­i­sa­tion gibt, ist nur ein neg­a­tives Resul­tat, in sich selbst ohn­mächtig, einen neuen Zus­tand zu gebären. Sie ist ein wüstes, unbe­friedigtes Ver­lan­gen, das durch seine Span­nung die Not des Augen­blicks vergessen läßt und das klare Bewußt­sein in selt­same Trunk­en­heit ein­hüllt. In seiner Ermah­nung zum Frieden auf die 12 Artikel der Bauern­schaft in Schwaben sagt Luther: >Ist euch nun noch zu raten, meine lieben Her­ren! So weicht ein wenig um Gottes willen dem Zorn. Einem trunk­nen Mann soll ein Fuder Heu auswe­ichen, wie viel mehr sollt ihr das Toben und die stör­rige Tyran­nei lassen und mit Ver­nunft an den Bauern han­deln, als an Trunk­e­nen und Irren­den.< Die Haupt­sache ist, dieser Schwärmerei ihre Bedin­gun­gen, ihre Nahrung zu nehmen. Sie wächst nur auf einem unter­wühlten, zer­ris­se­nen Boden sozia1er Zustände. Wo die großen Zweige der materiellen Inter­essen, jeder zu seiner Vol­lkom­men­heit aus­ge­bildet, ineinan­der­greifen, wo die materiellen Inter­essen all­seitig und organ­isch aus­ge­bildet, die Arbeit­skräfte einer Nation voll­ständig und zweck­mäßig ver­wendet sind, da findet der Kom­mu­nis­mus keinen Boden und keinen Anklang, denn in diesem Falle ist alles, was der Kom­mu­nis­mus auch in seiner fein­sten und scharf­sin­nig­sten Aus­bil­dung ver­langt, in einer der Frei­heit des Men­schen entsprechen­den, in einer bei weitem vernün­ftigeren Weise real­isiert als in seinen Plä­nen vorgeze­ich­net liegt. Aber um dieses Ziel zu erre­ichen, gilt es, die Indus­trie aus dem Not­stande, in dem sie sich befindet und in welchem sie mit solchen Bewe­gun­gen, wie die jetzt vorge­hen­den sind, notwendig schwanger geht, zu befreien und sie zu einem kräfti­gen, vollen Dasein zu erheben. Die küm­mer­liche, elende Indus­trie ist die Mut­ter allen Jam­mers, aller Ver­brechen. Die blühende Indus­trie ist die Urhe­berin aller Frei­heit, Bil­dung, Bequem­lichkeit, und wie sollte sie es anders sein, da sie das Band ist, wodurch die Intel­li­genz sich mit der Natur in Beziehung setzt. Durch die Naturüber­win­dung, Arbeit und Tätigkeit, Emanzi­pa­tion von der Scholle, Wohl­stand und Ver­w­er­tung aller Kräfte der Nation. Aber sie will entwick­elt sein, sie will alle ihre Zweige zur Teil­nahme an der­sel­ben Aus­bil­dung gebracht wis­sen. Denn so einer von ihnen zurück­bleibt, so kranken alle. Denn sie sind aufeinan­der hingewiesen, um durch gegen­seit­i­gen Aus­tausch, durch gegen­seit­ige Pro­duk­tion und Kon­sum­tion sich zu erhal­ten, und wie die einzel­nen Zweige der Indus­trie sich in dieser Weise einan­der hal­ten und tra­gen, so ist es mit den großen Zweigen der materiellen Inter­essen überhaupt, mit Acker­bau, Indus­trie und Han­del. Wer­den aber unsre Indus­triezweige, die innigst mit dem nationalen Leben verwach­sen sind und durch die natür­lichen Bedin­gun­gen unsres Bodens gefördert wer­den, oder die später bei uns Auf­nahme gefun­den haben und eine Quelle unsres Nation­al­re­ich­tums gewor­den sind und zahlre­iche Arbeit­skräfte an sich gezo­gen haben, wer­den diese der freien Konkur­renz mit andern Natio­nen bloßgestellt, die durch viele Umstände einen Vor­sprung in der Entwick­lung ihrer Indus­trie haben oder ihre ganze Kraft auf dieses Feld wer­fen müssen, dann wird ihnen die Muße, die Kraft, der Mut ent­zo­gen, der zu ihrer gedeih­lichen Entwick­lung nötig ist, dann muß der Wert unter den Koste­naufwand her­ab­sinken — denn wohlfeil kann nur eine entwick­elte Indus­trie arbeiten —, dann müssen die Arbeit­slöhne ins Unbe­deu­tende und Unzure­ichende her­ab­sinken, vor dem Andrang fremder Fab­rikate stellt die inländis­che Indus­trie die Arbeit ein und muß die Arbeit­skräfte, die sie bisher herange­zo­gen hat, in ihre Nichtigkeit zurücksinken lassen. Das har­monis­che Ver­hält­nis zwis­chen dem Kap­i­tal­is­ten und dem Arbeiter löst sich und gibt der Erbit­terung Raum. Die Kap­i­tal­ien, die auf indus­trielle Etab­lisse­ments angelegt waren, ver­lieren ihren Wert und drücken den Wert der andern herab. Die Erzeug­nisse der Agrikul­tur sinken im Preise, weil im Inland wenig Nach­frage ist wegen Man­gels an Ver­di­enst. Und der Han­del unter­liegt, je mehr die Arbeit im Inlande abn­immt, denn nur so reich ist eine Nation, als sie arbeitet, wie schon Adam Smith gesagt hat. Das sind die Fol­gen einer nicht all­seitig entwick­el­ten Indus­trie, einer in den Anfän­gen steck­enge­bliebe­nen und als­bald der Konkur­renz des weit voraus­geeil­ten Aus­lan­des preis­gegebe­nen Indus­trie. Und so nicht bald entsch­iedne Hilfe kommt, so steht zu befürchten, daß auch das sparsam­ste, nüchtern­ste unter allen Völk­ern zügel­lose Ausar­tun­gen in den Bezirken anderer Indus­triezweige erleben wird. Denn sie fast alle sind in Deutsch­land auf gle­iche Stufe herabgebracht. (…)

Der Sprecher oder: Rheinisch-Westphälischer Anzeiger Nr. 59, 19. Juni 1844

Die schle­sis­chen Weber haben ihre pas­sive Stel­lung mit einer a­tiven ver­tauscht: sie haben revoltiert. Der Reichen­bacher Kreis hat Szenen erlebt, welche man in Deutsch­land für unmöglich hielt. Einem Han­delsh­errn in Peter­swal­dau, der sich durch >Lohn­abzwacken< ausze­ich­nete, ist alles im Hause demoliert wor­den; die Kasse wurde geplün­dert und — geteilt. Mil­itär mußte ein­marschieren. In Lan­gen­bielau kam es zur Emeute, das Mil­itär gab Feuer. Man zählte fünf bis neun Tote. Die Arbeiter organ­isierten sich zu einer Truppe von 2000 Mann, das Mil­itär reichte nicht aus; ein von den Sol­daten beset­ztes Gebäude wurde demoliert. […]

Aach­ener Zeitung Nr.171, 20. Juni 1844

Bres­lau, 14. Juni. Der Auf­s­tand der Weber, welcher anfangs ein sehr ern­stes Anse­hen gewann, ist bere­its zum größten Teil gedämpft. Es war zwar vorauszuse­hen, daß sie der mil­itärischen Überma­cht sehr bald erliegen mußten, daß dies aber schon jetzt und unter solchen Umstän­den geschehen würde, das glaubten selbst die nicht, welche in der Revolte wenig mehr als einen ganz gewöhn­lichen Tumult erblick­ten. Schon gestern sind einige hun­dert Weber unter starker mil­itärischer Esko­rte nach Schwei­d­nitz gebracht wor­den, viele sind in ihre Heimat zurück­gekehrt und haben sich somit selbst dem Arme der Gerechtigkeit überliefert, während andere noch in einzel­nen Haufen in den Wäldern umherir­ren. Gegen let­ztere sind heute mor­gen ern­ste Maßregeln ver­an­laßt wor­den. Die Bauern des Schwei­d­nitzer Kreises näm­lich haben Befehl erhal­ten, auf Pfer­den die Wälder und Schluchten zu durch­suchen und alle Aufrührer, welche sie vorfinden, nach Schwei­d­nitz abzuliefern. Von hier aus sind bere­its drei Unter­suchungsrichter dahin abge­gan­gen. Sie sind also, da sie dem Elende ent­laufen woll­ten, ihm ger­ade in die Arme ger­aten. Es zirkulieren jetzt eine Menge Einzel­heiten, welche von der Härte der Fab­rikan­ten gegen die Weber Zeug­nis geben. Die Regierung wird gewiß jetzt auf ern­stliche Mit­tel denken, dem erschreck­lichen Not­stande im Gebirge abzuhelfen. Über dieses Kapi­tel ließe sich gar vieles sagen, wir kom­men auch näch­stens wohl darauf zurück, sobald nur eine lei­den­schaft­slose Erörterung möglich ist. (…)

Deutsche All­ge­meine Zeitung Nr.173, 21. Juni 1844

Aus Schle­sien, 16. Juni. Die unmit­tel­baren Fol­gen unserer Weberun­ruhen sind trau­rig genug: zer­störte Häuser, 15 Verwund­te, 11 Tote, einige 60 Ver­haftete; wieviel Jam­mer, Not und Elend begreifen diese weni­gen Worte in sich! In den töricht­esten, unver­ant­wortlich­sten Übertrei­bun­gen haben wir seit län­gerer Zeit von der Not unserer Weber hören und lesen müssen. Deutsch­land ward zur Hilfe aufgerufen, und insofern sich im Dar­re­ichen von Gaben eine edle Gesin­nung kundg­ibt, ist eine solche weit und breit offen­bar gewor­den. Irren würde man, wollte man die bekla­genswerten Auftritte, die stattge­fun­den haben, der Not der Weber zuschreiben, die in dem geschilderten Maße gar nicht, am wenig­sten aber so all­ge­mein stattge­fun­den hat, wie angegeben wor­den ist. Die Weber lit­ten nicht mehr Not als alle übrigen Tagelöh­ner, die aus der Hand in den Mund leben, zu einer Zeit, wo der Arbeit wenig, die Konkur­renz groß, die Lebens­mit­tel aber ungewöhn­lich teuer waren. War ihre Bedräng­nis größer als die der beze­ich­neten Klassen, so kam sie zum großen Teil her aus ihrer Unbe­hil­flichkeit, Ungeschick­lichkeit, ihrem Wider­willen gegen jede andere Arbeit. Hun­derte von Weber­burschen und Weber­mäg­den wür­den vom Bauer bere­itwillig in Dienst, in Arbeit genom­men wor­den sein, hät­ten bei Straßen­bauten und sonst Beschäf­ti­gung gefun­den; aber sie hät­ten streng arbeiten und gehorchen müssen, und sie woll­ten nur soviel arbeiten als ihnen gefiel und nur solange als ihnen recht war, nach Lust und Belieben Tabak rauchen, Karten spie­len und tanzen. Jedes rauhe Lüftchen scheuend und jeden Regen­tropfen, die Hacke und den Spaten nie zur Hand nehmend, die Beschäf­ti­gung, die sie nähren sollte, kaum ken­nend, wur­den sie zu allem untauglich, weil sie sich selbst zu nichts anderm geschickt machen woll­ten. Der ordentliche fleißige Weber, der sein Gewerbe ver­stand und mit Ernst und Redlichkeit trieb, hat keine Not gelit­ten, keine andere als die der unver­mei­dliche Lauf der Zeiten mit sich brachte und von jeher mit sich gebracht hat. […]

Köl­nis­che Zeitung Nr. 173, 21. Juni 1844

Vom Rhein, 19. Juni. Auf die Kunde von den bekla­genswerten Ereignis­sen, bei welchen in Schle­sien Blut ver­gossen wor­den, ist ein Schrei des Entset­zens durch ganz Deutsch­land gegan­gen. Man hatte vielfach nicht glauben wollen, daß die Ver­hält­nisse in jenen Fab­rikge­gen­den so unnatür­lich seien. Unnatür­lich aber sind sie, wenn Men­schen, deren Liebe zur Ruhe und zum Frieden und deren Genügsamkeit von jeher sprich­wörtlich gewe­sen, sich zu Tausenden erheben und Gewalt­tätigkeiten mit einer Erbit­terung ausüben, die von der let­zten Stufe der Verzwei­flung Zeug­nis abgibt. Man sieht aus dem, was wir bis jetzt über die Auftritte in Lan­gen­bielau und Peter­swal­dau erfahren haben, daß die schle­sis­chen Arbeiter ganz auf der­sel­ben Stufe ange­langt sind wie vor einer Reihe von Jahren die unglück­lichen Sei­den­we­ber in Lyon”. Wo gle­iche Ursachen, da sind auch gle­iche Wirkun­gen. Hier wie dort war der Beweg­grund zu den Ruh­estörun­gen nicht mehr und nicht weniger als ein Grad von Not und Verkom­men­heit, der sich nicht mehr ertra­gen ließ. Daß es in unserm Deutsch­land dahin kom­men könne, war noch vor nicht langer Zeit von manchen Seiten her mit großer Zuver­sicht in Abrede gestellt wor­den, und man hatte den Teil der Presse, welcher auf Abhilfe der Not drang und sich der unglück­lichen Arbeiter annahm, der Übertrei­bung beschuldigt. Die Presse hat lei­der keine Gespen­ster her­auf­beschworen, das beweist die Wirk­lichkeit mit ihren schreck­lichen Auftrit­ten. Von großer Kurzsichtigkeit zeugt es aber auch jetzt wieder, daß, wie mehrere Blät­ter melden, von Schle­sien aus der Ver­such gemacht wor­den ist, die Unruhen als Folge >des vie­len Geschreibes über Armut und Not< darzustellen und höh­ern Ortes anzudeuten, daß es nicht zum Äußer­sten gekom­men sein würde, wenn die Presse nicht >aufgereizt< hätte. Wir erwarten zuver­sichtlich, daß eine so plumpe und ein­fältige Auf­fas­sung bei den Behör­den wie beim Volke ohne allen Anklang bleibt; denn sie zeugt von einer wahrhaft bekla­genswerten Beschränk­theit der Ansichten und einem höchst man­gel­haften Begriffsver­mö­gen. (…) Es ist bekannt, daß wir in Deutsch­land noch immer Leute haben, die alles Unheil von der >schlechten Presse< her­leiten. Aber die Weber in Schle­sien haben keine Flugschriften und keine Zeitun­gen gele­sen; sie haben sich, wie wei­land der arme Con­rad, ihre Lieder selbst gemacht, die sie beim Sturme auf fremdes Eigen­tum absan­gen. Die armen Leute beküm­merten sich nicht um The­o­rie und Zeitungsar­tikel, sie woll­ten nur Brot. Wer kann die Not ermessen, die in jenen Fab­rikdör­fern seit Jahren um sich gegrif­fen hat; wer die Seufzer und Trä­nen zählen, welche der unendliche Jam­mer her­vorgepreßt? Diese Ursachen jener Szenen der Gewalt­tätigkeit zu erforschen und ohne alle Rück­sicht, die hier dop­pelt übel am Platze sein würde, zu enthüllen, ist Pflicht des Staates, Pflicht der Presse, Pflicht endlich jedes ehrlichen Mannes. […] In unserer Rheinge­gend erwartet man, daß ein Auss­chuß von Män­nern niederge­setzt werde, welcher die Fra­gen, die sich bei diesen schle­sis­chen Unruhen in den Vorder­grund gedrängt, zu prüfen hat, und der nicht allein aus Beamten, son­dern min­destens zur Hälfte aus Nicht­beamten besteht, und zwar aus Bürg­ern aller Prov­inzen. Daß die Fab­rikar­beiter in diesem Auss­chusse eine bes­timmte Anzahl von Vertretern haben müßten, denen eben­sowohl Sitz und Stimme zu erteilen wäre wie Beamten, Fab­rikher­ren und Kau­fleuten, ist so notwendig und ein­fach, daß es sich von selbst ver­steht. [. . 1 Vor jenem Auss­chusse müßten natür­lich vor allen Din­gen die Arbeiter der ver­schiede­nen Fab­rika­tions– und Gewer­bzweige abge­hört wer­den, und bei dem gün­sti­gen Zus­tande unserer Finanzen und bei unserm Bud­get kann eine Aus­gabesumme von 100 000 oder 200 000 Talern, die zu diesem Zwecke etwa ver­aus­gabt würde, gar nicht in Betra­cht kom­men. Es geschieht so viel für Kün­ste und höhere Bil­dung; darum wird die Forderung nicht unbil­lig sein, daß nun auch eine ver­hält­nis­mäßig geringe Summe aufge­wandt werde, um die Lage der­jeni­gen Klasse unserer Mit­bürger genau ken­nen­zuler­nen, welche man heutzu­tage Pro­le­tarier nennt, die wir aber lieber arme Leute nen­nen wollen. Denn in dem Worte arm liegt alles, geistiges wie physis­ches Elend, es ist ein ganzer Inbe­griff von Not und Verkom­men­heit. […1

Königlich-privilegirte Berlin­is­che Zeitung Von Staats– und Gelehrten Sachen (Vos­sis­che Zeitung) Nr. 144, 22. Juni 1844

Bres­lau, den 17. Juni (Pri­vat­mitt.). Unleug­bar herrschte in Peter­swal­dau schon seit län­gerer Zeit unter einem großen Teile der Arbeiter eine starke Gärung, ein Geist der Unzufrieden­heit, der nur eines zufäl­li­gen Anstoßes bedurfte, um in lichten Flam­men auszubrechen. Man glaubte sich nicht allein über mehrfache, in kurzen Zeiträu­men vorgenommene sehr erhe­bliche Her­ab­set­zun­gen der Arbeit­slöhne, son­dern auch über eine harte und eigen­willige Behand­lung bekla­gen zu müssen, welche den Gegen­satz zwis­chen Kaufherrn und Arbeiter immer schrof­fer her­ausstellen zu wollen schien. In dem Gedichte: >Das Blut­gericht in Peter­swal­dau im Jahr 1844( fan­den die aufgeregten Gemüter ihren Bren­npunkt und gewis­ser­maßen ihre Fahne; es ist ein offenes Man­i­fest aller der Kla­gen und Beschw­er­den, welche bis dahin nur ver­stohlen und leise von Mund zu Mund wan­derten. In seinen größ­ten­teils wohllau­t­en­den und regelmäßig gebauten Versen spricht sich eine dro­hende Verzwei­flung, ein wilder Haß und Grimm beson­ders gegen das am 4. zuerst ange­grif­f­ene Hand­lung­shaus aus, welches man offenkundig zu immer höherem Reich­tum und Glanze neben der steigend­sten Not auf­blühen sah. Dieses in jeder Beziehung merk­würdige Doku­ment enthält neben der Schilderung des Trüb­sals und Jam­mers auf der einen und Pracht und Üppigkeit auf der andern Seite überraschend ver­ständige Ansichten und Anschau­un­gen. Und so denke man sich die Wirk­samkeit und Gewalt einer, nach einer volk­stüm­lichen Melodie (>Es liegt ein Schloß in Öster­re­ich() abge­sun­genen Schilderung. Das Lied eilte wie ein Aufruf von Haus zu Haus; es fiel als Zünd­stoff in die gären­den Gemüter. Man heftete es, so wird gesagt, an das quaest. Etab­lisse­ment an, und kleine Scharen san­gen es vere­int vor dem­sel­ben ab. Einer der Sänger wurde ergrif­fen und der Ort­spolizei zur Bestra­fung übergeben. Neue Scharen erschienen und ver­langten die Aus­liefer­ung des­sel­ben. Umsonst wur­den sie an die Gerichte gewiesen; der erste Schlag fiel, und nach weni­gen Minuten drangen jene Scharen wutschnaubend in das Comp­toir ein. Ich hege die ern­ste und wohl– überlegte Mei­n­ung, daß es in diesen ersten Momenten des Angriffs nur und allein galt, den Haß, die Rache und Wut in Zer­störung und Ver­wüs­tung auszu­lassen. Bald aber fand man Geld, reiche Vor­räte, kost­bare Mate­ri­alien, und nur wenige vielle­icht von den Einge­drun­genen waren jetzt imstande, die lock­ende Ver­suchung zu besiegen. Jenes Rachew­erk wurde voll­ständig aus­ge­führt, zertrüm­mert, zer­schnit­ten und zer­fetzt, was vorhan­den war und irgend mit einiger Schwierigkeit zu trans­portieren gewe­sen wäre, daneben aber gestohlen, was die Habgier reizte. Die Einge­drun­genen war­fen die Waren und Mate­ri­alien zum Fen­ster hin­aus; unten erneute sich fortwährend die Zahl derer, welche die Beute davon­tru­gen, Män­ner, Weiber und Kinder. Das eine Gebäude ist durch einen ziem­lich bre­iten und tiefen Wasser­graben von dem Hofe getrennt. In diesen Graben wur­den aus dem Gebäude so viele Fab­rikate gewor­fen, daß diesel­ben zuletzt eine Brücke bilde­ten. Unzweifel­haft erschienen auf dem Schau­platz auch viele Per­so­nen, um die Sachen aufzunehmen und für die Eigen­tümer zu ret­ten. In der Tat sind viele Stücke bere­its abgeliefert wor­den von jenen rechtlich Gesin­nten sowohl als gewiß auch von solchen, die nach den obrigkeitlichen Auf­forderun­gen sich fürchteten, im Besitze der — dahingestellt in welcher Absicht — davonge­tra­ge­nen Sachen zu bleiben. Man darf nicht vergessen, daß dies Drama in Peter­swal­dau drei förm­liche Abteilun­gen hatte. Gegen 6 Uhr, wenn ich nicht irre, zogen die Tumul­tuan­ten nach Hause, gegen 8 Uhr abends fan­den sie sich wieder ein, um bis 2 Uhr in der Nacht ihr Werk fortzuset­zen, wie zum drit­ten Male — jedes­mal gewis­ser­maßen in Reih und Glied, sin­gend, wie einige behaupten, eine weiße Fahne voran — am Mor­gen des 5., um es zu vol­len­den. — Daß in diesem großen reich­bevölk­erten Dorfe und in solchen Zeiträu­men weder die Ort­spolizei noch andere ein­flußre­iche Per­so­nen Gele­gen­heit fan­den, um sich und andere zuver­läs­sige Indi­viduen zur Abwehr der Frevler und zur Vertei­di­gung der ange­grif­f­e­nen Häuser zu vere­ini­gen, wird gewiß jeder mit mir schwer erk­lär­lich finden. Am 5., nach­dem das Zwanziger­sche Etab­lisse­ment, ich möchte sagen, bis auf die nack­ten Wände zer­stört war, und ein anderer in Peter­swal­dau ansäs­siger Fab­rikant die nahende und dro­hende Schar mit Geld beschwichtigt hatte, wurde beschlossen, weit­erzuziehen, da “noch mehrere dran müßten”. Die Mei­n­un­gen waren geteilt. Endlich, und dieser Beschluß kam erst, wie mir glaub­haft ver­sichert wird, nach einer Prügelei der Majorität und Minorität zus­tande, brach die Schar nach Lan­gen­bielau auf, einen Weg von einer hal­ben Meile längs den Bergen hin benutzend. Gegen 12172 Uhr wurde sie dort, etwa 300 Mann stark, in Reih und Glied hin­ter einer, mut­maßlich aus einer her­abgeris­se­nen Gar­dine beste­hen­den Fahne marschierend, zuerst erblickt. Wer sich am Wege fand, wurde gefragt, ob er Weber sei, und mußte sich anschließen. Bei Lan­gen­bielau wurde halt­gemacht und aufs neue beratschlagt. Endlich fiel eine Rotte das aus einem Gehöft beste­hende Etab­lisse­ment der Her­ren Hilbert und Andret­zky, welches sie unmitte­bar an der von Peter­swal­dau und Lan­gen­bielau aus­mün­den­den Straße fan­den, an. Diese Her­ren beschäftigten notorisch nur sehr wenige Weber und haben sich niemals einen Vor­wurf wegen Härte oder Bedrück­ung zuge­zo­gen. Zunächst im Dorfe liegen, durch andere Häuser getrennt, die Etab­lisse­ments der bei­den, in der Han­del­swelt wohlbekan­nten Brüder Dierig. Im Dorfe, wo sich die Nachricht von den in Peter­swal­dau began­genen Exzessen und der Ankunft der Peter­swal­dauer mit Blitzess­chnelle bere­its ver­bre­itet hatte, strömten von allen Seiten die Ein­wohner zusam­men; eine Menge bescholtener, unruhiger, zum Teil schon früher bestrafter Sub­jekte gesellte sich in Erwartung der kom­menden Dinge zu ihnen; viele Fremde erschienen auf dem Platze. Um mil­itärischen Schutz war gebeten wor­den, noch fehlte er. Einer der Dierigschen Comp­toiris­ten rief die Haus– und Fab­rike­nar­beiter sowie die gut­gesin­nten Bewohner des Dor­fes auf, dem dro­hen­den Angriff der Peter­swal­dauer zu begeg­nen. Eine Fahne wurde aufgesteckt, man scharte sich um dieselbe und trieb nach einem furcht­baren Kampfe die Peter­swal­dauer in die Flucht. So an einem Orte des weit aus­gedehn­ten Dor­fes, indes sich am andern bald zeigte, was von der Zusam­men­rot­tung jener erwäh­n­ten Sub­jekte zu erwarten war. Die von den HH . Dierig den zur Vertei­di­gung ihres gefährde­ten Eigen­tums Bere­iten ver­sproch­ene Gel­dausteilung begann. Doch die Masse der Fordern­den wuchs mehr und mehr, sie drängten sich unruhig mit Schimpfwörtern und Dro­hun­gen an die mit der Verteilung Beauf­tragten, auch wenn sie eben erst Geld erhal­ten hat­ten, und als diesel­ben baten, die Ord­nung zu erhal­ten, weil sonst nicht jeder bedacht wer­den könne, stürzte sich plöt­zlich die Masse mit wüten­dem Geschrei auf sie, entriß ihnen das Geld und zwang sie unter Mißhand­lun­gen, ihre Per­son zu ret­ten. Das Werk der Zer­störung begann nun auch in den 3 großen Dierigschen Etab­lisse­ments. Die Peter­swal­dauer fan­den sich wieder ein, aber endlich erschien auch die mil­itärische Hilfe, bin ich recht berichtet, 120 Mann von dem in Schwei­d­nitz gar­nisonieren­den Infanterie-Regimente. Alle Auf­forderun­gen des Kom­man­deurs, friedlich den Platz zu ver­lassen, blieben ohne Erfolg, von allen Seiten eine dro­hende, schreiende, mit Steinen, ja zum Teil mit Pfählen undÄx­ten bewaffnete Menge, Aus­ru­fun­gen des Hohns und der Wut; nach dem Kom­man­deur selbst sollen ver­we­gene Hände gegrif­fen haben. Die Sol­daten richten endlich eine Salve über die Köpfe hin­weg, der höh­nis­che Ruf: >sie hät­ten wohl mit Kot geladen<, folgt, aber die fol­gen­den Sal­ven strecken 11 Per­so­nen tot und vielle­icht 24 ver­wun­det nieder. So viele Ver­wun­dete hat­ten sich wenig­stens bis zum 11. d. M. bei den Ärzten in Lan­gen­bielau gemeldet, unter ihnen 3 schwer Ver­let­zte, wer­den bei einem Kauf­mann im Dorfe verpflegt. Unter den Toten befindet sich auch lei­der eine Frau, welche über 200 Schritte weit vom Kampf­platz an ihrer Haustür ges­tanden, und ein Knecht, der als Zuschauer auf einer nahen Garten­mauer gesessen hatte. Nach­dem die Trup­pen gefeuert hat­ten, zogen sie sich, von der racheschnauben­den, wut­brül­len­den Menge und von einem Stein­hagel ver­folgt, zurück. Welch ein mil­itärisches Bedenken obwal­tete, das let­zte und wichtig­ste Gebäude, vor dem aufgestellt die Sol­daten gefeuert hat­ten, schützend zu beset­zen, und an den ver­git­terten Fen­stern vor Stein­wür­fen gedeckt, nach­dem man ein­mal zum äußer­sten Mit­tel geschrit­ten war, min­destens eine dro­hende Defen­sive einzunehmen und die andrin­gen­den Scharen in Schach zu hal­ten, ver­mag ein Nicht-Militär nicht zu entschei­den. Vielle­icht sollte weit­eres Blutvergießen um jeden Preis ver­mieden wer­den. Bis in die späte Nacht hinein hausete nun die ent­fes­selte Wut zer­störend und räu­berisch in diesen schö­nen Gebäu­den, Maschi­nen­werken und Lagern, frei und ungestört. Viele hat­ten sich in den Maschinen-Kammern mit eis­er­nen Stan­gen verse­hen. Die Schar verteilte sich in den einzel­nen Räu­men und Gemäch­ern. Nur dieses und jenes Zim­mer ent­ging durch Zufall, oder weil die Nacht zu zeitig ein­brach, den kleinen Kom­pag­nien, welche ein Gelaß nach dem andern durcheil­ten. Wieder wurde aus den Fen­stern gewor­fen, was ihnen in die Hände fiel und trans­porta­bel schien. Unten standen Hun­derte, die reiche Beute fortschlep­pend, und mancher, bisher als unbescholten bekannt, soll sich arg kom­pro­mi­tiert haben. Nur die Hand­lungs­bücher waren glück­lich gerettet. Der Ver­lust, welchen die Brüder Dierig erlit­ten, ist sehr bedeu­tend. Gestützt auf die sorgfältig­sten Nach­forschun­gen, darf ich die feste Überzeu­gung aussprechen: In Lan­gen­bielau han­delte es sich nicht um ein Rachew­erk und Volks­gericht, son­dern um Raub und Plün­derung, daneben um die Befriedi­gung des gereizten Grimms. Von den Her­ren Hilbert und Andret­zky sprach ich bere­its; die Her­ren Dierig waren beliebt in der ganzen Gegend weit und breit und verehrt von allen ihren 4000 Arbeit­ern. Niemals ist eine Beschw­erde gegen sie laut gewor­den; gut­mütig, leut­selig, eine Stütze der Bedrängten, Helfer den Armen, haben sie zu keiner Zeit, mit eignen Opfern unglück­liche Kon­junk­turen überwindend, die Löhne her­abge­setzt, sich niemals eine Bedrück­ung oder Verkürzung erlaubt. Das ruft jetzt jed­er­mann, und keiner ver­mag einen Grund anzugeben, weshalb ger­ade sie als Opfer der Exzesse gefallen sind. Schon sind an das Bres­lauer Komi­tee zur Abhilfe der Not unter den Webern und Spin­nern die ehrend­sten Zeug­nisse für das schöne Ver­hält­nis der Her­ren Dierig zu ihren Arbeit­ern mit der dringlichen Bitte gelangt, schnell mit Dar­lehen an die Kreishilfs-Vereine einzuschre­iten, damit die Unbeschäftigten bis zur Wieder­eröff­nung des Dierigschen Etab­lisse­ments Arbeit erhiel­ten und einem unüberse­hbaren Elende vorge­beugt werde. Ein noch ehren­volleres Zeug­nis waren die bit­teren Trä­nen, welche ich in den Augen vieler, aus weiter Ferne mit fer­ti­gen Fab­rikaten gekommener Weber sah, als sie erfuhren, was »ihren lieben Her­ren« geschehen sei. Man befürchtet, daß sie ihr Geschäft aufgeben und sich nach so bit­terer Erfahrung in das Aus­land übersiedeln möchten. Unsere prov­inzielle und vater­ländis­che Indus­trie würde dadurch einen empfind­lichen Schlag erlei­den. Am 11. war in Lan­gen­bielau von den ange­se­hen­sten Per­so­nen eine Eingabe, erin­nere ich mich recht, an die Königl. Regierung unterze­ich­net wor­den, in welcher gebeten wird, den Hrn. Dierig sowie den HH . Hilbert und Andret­zky, >den tüchtig­sten Kau­fleuten und bieder­sten Män­nern<, mit Staatsmit­teln zur Wieder­auf­nahme ihres Geschäftes behil­flich zu sein. Um mein obiges Urteil zu bele­gen, bedarf es nur noch der Erin­nerung an eine Tat­sache. Schon im Jan­uar d. J. ergab sich die trau­rige Notwendigkeit, von Lan­gen­bielau aus, ein früher ange­brachtes Gesuch bei der Behörde zu erneuern. Es ist, so heißt es in der Eingabe, in diesem wie wohl in jedem Win­ter, namentlich aber in solchen Jahren, wo die Geschäfte stocken, ein großer Andrang nach Arbeit, der zum größten Teile nicht befriedigt wer­den kann, da viele der Fab­rikan­ten ihre Geschäfte wesentlich infolge ungün­stiger Handels-Konjunkturen beschränken mußten, woraus sich die Notwendigkeit ergab, daß jeder die schlechten, lieder­lichen Arbeiter ver­ab­schiedete und soviel als möglich sein Eigen­tum redlichen Arbeit­ern anver­traute. Infolgedessen sind eine Menge Leute brot­los gewor­den, größ­ten­teils faule, saum­selige, lieder­liche Men­schen, die es sich zur Auf­gabe zu machen scheinen, gute und brave Leute zu beun­ruhi­gen, Unzufrieden­heit und Aufruhr anzus­tiften. Der vorige Son­ntag, namentlich aber Mon­tag, zeich­nete sich darin beson­ders aus, indem Saufge­lage gehal­ten, Straßen­tu­multe, nächtliche Schwärmerei etc. auf eine Art und Weise stattge­fun­den haben, die jeden braven Bewohner empört und ern­stliche Besorgnisse einge­flößt haben. Nur durch ener­gis­che Maßregeln ist der Trieb zu Unord­nun­gen, Frev­eln usw. zu unter­drücken, durch Nach­sicht und Milde wird diese Hefe der Bewohner ver­leitet, den ärgsten Mißbrauch und Frevel mit polizeilichen Vorschriften zu treiben. Ich weiß nicht, ob und welche ener­gis­chen Maßregeln seit­ens der ange­gan­genen Behörde getrof­fen wor­den sind. Aber die Prophezeiun­gen vom Jan­uar haben sich lei­der zu schnell pünk­tlich erfüllt. Erwäh­nenswert ist noch, daß die Polizei-Gewalt in Lan­gen­bielau (13 000 Ein­wohner) durch einen Gen­dar­men aus­geübt wird. L. S.

Erste Beilage zur Königl. Priv­i­le­girten Berlin­is­chen Zeitung von Staats– und Gelehrten Sachen (Vos­sis­che Zeitung) Nr. 144, 22. Juni 1844

Bres­lau, den 19. Juni (Pri­vat­mitt.). Den am 7. d.M. verübten Straßen­frev­eln ist die Strafe auf dem Fuße gefolgt. Schon heut bringt in Gemäßheit der Verord. vom 30sten Sep­tem­ber 1836, die seit­ens des Kriminal-Senats des Königl. Ober­lan­des­gerichts ernan­nte Untersuchungs-Kommission zur öffentlichen Ken­nt­nis, daß 18 von den am 7. ergrif­f­e­nen Per­so­nen wegen Straßen– Unfugs und Unge­hor­sams gegen War­nun­gen und Befehle der Obrigkeit mit den geset­zlichen Frei­heits– und resp. Leibesstrafen belegt wor­den sind. Unter den 18 namentlich aufge­führten Per­so­nen befinden sich 9 Lehrlinge, 5 Gesellen, ein Hausknecht, ein Gärt­ner, ein For­men­stecher und ein Handlungs-Diener. Die schnell been­dete Proze­dur, vere­int mit der Pub­lika­tion der bestraften Schuldigen, wird unzweifel­haft einen sehr heil­samen Ein­fluß auf diejeni­gen ausüben, die jetzt noch etwa Gelüste trü­gen, ihre Courage an Fen­ster­scheiben zu pro­bieren und unter dem Schutze der Dunkel­heit wildes Unwe­sen zu treiben. Einen andern Charak­ter hat­ten die Straßen-Exzesse am 6. und 7. nicht, wie ich Ihnen schon geschrieben, und unsre bei­den, ein mys­ter­iöses Schweigen beobach­t­en­den Zeitun­gen haben es zu ver­ant­worten, wenn jetzt eine kolos­sale Übertrei­bung und Unrichtigkeit nach der andern den Weg nach dem Aus­lande findet, wenn ange­blich Häuser demoliert und Offiziere tödlich ver­wun­det wor­den sind. Die armen Fen­ster­scheiben fie­len als Opfer, wo sie der Rotte erre­ich­bar waren; sie unter­schied nicht christliche und jüdis­che Woh­nun­gen, sie respek­tierte weder die Kirche noch das Hos­pi­tal, und ist, wie einige wis­sen wollen, hier und da wirk­lich der Ruf: »Nieder mit den Aktien­män­nern« laut gewor­den, so ist es wohl erk­lär­lich, daß vielle­icht einige unter oder neben den losen Ban­den wenig­stens den Ver­such nicht unter­lassen kon­nten, den Hand­lun­gen niederträchti­gen Mutwil­lens eine bes­timmte Fär­bung und Rich­tung [zu] geben. Gestern am früh­esten Mor­gen waren an eini­gen Häusern Plakate ange­heftet, deren Inhalt neuerd­ings bezeugt, wie die ein­mal geweckte reine Skandal-Lust nur allmäh­lich wieder erstirbt. Nur diese Lust, welche jetzt ihrer Ohn­macht, aktiv aufzutreten, innege­wor­den ist, hat jene Plakate mit ihren boden­los gemeinen Aus­drücken und Her­aus­forderun­geng geschaf­fen. — Unsere Börse scheint wiederum eine fes­tere Hal­tung ein­nehmen zu wollen. Die bieden Deputierten der hiesi­gen Kauf­mannschaft sind heut von Berlin zurück­gekehrt und haben als Resul­tat ihrer Mis­sion die Bestä­ti­gung der schon früher ver­bre­it­eten Nachricht, daß die Bank die Diskon­tierung von Aktien und Zusicherungs-scheinen auf eine gewisse Höhe zu übernehmen angewiesen sei, mitgebracht.

Köl­nis­che Zeitung Nr. 175, 23. Juni 1844

Berlin, 19. Juni. […] Einzelne Kau­fleute haben großen Schaden gelit­ten und bin­nen weniger Stun­den vierzig– bis fün­fzig­tausend Taler ver­loren; dabei ist die Entrüs­tung gegen sie nicht milder gewor­den, und mehrere haben bere­its erk­lärt, sie wür­den nicht wieder zurück­kom­men und ihre Geschäfte von neuem begin­nen. Die Bürger in den kleinen Städten und Ortschaften sind aber nicht min­der gegen die Kau­fleute ges­timmt. Das Mil­itär, welches diesel­ben zu ihrem Schutze forderten und empfin­gen, wurde von den Gemein­den als eine von allen zu tra­gende Ein­quartierungslast abgewiesen; die Fab­rikan­ten mußten es daher auf ihre Kosten unter­brin­gen und verpfle­gen; die Bürger behaupteten, sie selbst bedürften gar keines Schutzes und fürchteten nichts von den Webern. Unter solchen Umstän­den kann es wohl sein, daß die Not der Weber sich noch mehrt, wenn das überhaupt möglich ist, da die Fab­riken zum Teile ganz still­ste­hen wer­den. Es ist dieser Tumult eine Man­i­fes­ta­tion des Pro­le­tari­ats, der im klein­ern Maßstabe Auftritte wieder­holt, wie wir diesel­ben längst in anderen Län­dern kan­nten. […] Wir sehen von allen Seiten das Begehren der unteren Klassen nach Arbeit und genü­gen­der Ver­w­er­tung der­sel­ben; wir sehen auch den fort­streben­den Geist der Zeit in den Bemühun­gen aufgek­lärter Män­ner, Patri­oten und Men­schen­fre­unde, die sowohl in den Wegen der Reli­gion wie der vernün­fti­gen Recht­sideen durch Vere­ine zu helfen streben, mit­tels welcher die unteren Klassen gehoben und ihre Stel­lung in der Gesellschaft anerkannt wer­den sollen. Kann dieses durch die Lehren christlicher Moral oder durch prak­tis­che Aufk­lärun­gen über ihre Zustände und ihr Elend geschehen, wenn die Wirk­lichkeit nichts daran ändert? Die Pro­le­tarier ver­lan­gen kein Mitleid, sie ver­lan­gen Arbeit, welche Brot gibt, und Rechte, welche den Erwerb schützen und sich­ern. Daher kom­men jetzt auch die selt­samen Vor­würfe, daß die Presse so vieles an der herrschen­den Unzufrieden­heit ver­schulde, daß die Zeitun­gen und Flugschriften keinen gerin­gen Anteil an den Tumul­ten der Weber im Gebirge haben, weil jene Blät­ter und Schriften dem stum­men und so lange geduldigen Elende Sprache gegeben und den Men­schen über ihr Unglück Aufk­lärung ver­schafft haben. Hr. E. Pelz, ein Land­mann aus dem schle­sis­chen Gebirge, als Schrift­steller unter dem Namen Treumund Welp bekannt, der gegen­wär­tig hier in Berlin ist, um als Abge­sandter seiner Gemeinde über Mißstände Beschw­erde zu führen, nicht aber, wie ein rheinis­ches Blatt sagt, um als Abge­ord­neter der Weber zu ver­han­deln, — dieser Hr. Pelz hatte vor eini­gen Tagen eine Unterre­dung mit einem hochgestell­ten Staats­beamten, welcher das Benehmen der Presse und die schrift­stel­lerische Tätigkeit des Hrn. Pelz selbst als die Haupt­gründe der bekla­genswerten Unruhen angab. Pelz hat sich zum Bauer gemacht und eine Reihe Schriften über die Ver­hält­nisse der arbei­t­en­den Klassen her­aus­gegeben. Er hat das Leben der armen Weber und deren Not auch getreu geschildert, der Wahrheit gemäß, und bekämpft als Social­ist ein­dringlich das­jenige Fab­rik­we­sen, das einzelne bere­ichert, indem er für das Man­u­fakt auftritt und die Vorteile eines freien Arbeit­er­standes darstellt, der nach seiner Mei­n­ung glück­lich gegen die Maschi­nen ankämpfen kön­nte, wenn er gehörig organ­isiert wäre; denn er ist genügsam. Die Bevölkerung der Län­der steigt mit jedem Jahre, und mit jedem Jahre wer­den die Hände und lebendi­gen Wesen unnötiger durch Erfind­ung vol­lkomm­nerer Maschi­nen. Zwis­chen bei­den liegt eine weite Kluft: wer wird endlich sie aus­füllen? Der Staat kann unmöglich gegen die Maschi­nen auftreten, die Erfin­dungen des Geistes zer­stören. Der Staat in seiner jet­zi­gen Organ­i­sa­tion und alle Kul­turstaaten der Gegen­wart kön­nen dies nicht.

Deutsche All­ge­meine Zeitung Nr. 176, 24. Juni 1844

Berlin, 21. Juni. […] Die Idee, die Presse habe durch erre­gende The­o­rien den Aus­bruch der Katas­tro­phe beschle­u­nigt, sie sei überhaupt die provozierende Urhe­berin beden­klich wer­den­der Zustände, diese recht bequeme Idee wird lei­der in manchen Kreisen gar nicht so absurd gefun­den und soll nicht bloß durch die von Schle­sien ein­gere­ichten offiziellen Berichte hin­durch– schim­mern. Die Sache hat eine sehr ern­ste Seite, betra­chten wir sie näher. Daß gewisse erre­gende The­o­rien, grup­piert um den >Assozi­a­tions­be­trieb< der Zeit, vorhan­den sind, daß sie durch die Presse ein Organ und durch dieses Organ einen Weg in das Volk bis zu seinen niedrig­sten Schichten finden: wer wollte das in Abrede stellen? Daß aber die Exzesse der Weber in unmit­tel­bar provoziertem Zusam­men­hange mit den Äußerun­gen der Presse ste­hen, und zwar dergestalt ste­hen, daß eine Mod­i­fika­tion der pop­ulären Presse rat­sam erscheine, diese Auf­fas­sung der Dinge ist ebenso beschränkt wie arglistig. […]
Es läßt sich nicht leug­nen, ein Geist der Wider­spen­stigkeit, des Grimms und der nei­dis­chen Unzufrieden­heit geht durch die niederen Klassen, und jeder, der zu beobachten ver­steht, wird die Schat­tierun­gen in seiner näch­sten Umge­bung her­aus­finden. Es sieht in der Welt so aus, als ob ihr ein Pfeiler der beschränk­enden und abteilen­den Ord­nung genom­men wäre, und als ob von unten auf etwas mit übermächtiger, fortreißen­der, unge­bändigter Kraft empor­dränge. Wir leben in Europa inmit­ten der Entwick­lun­gen der all­ge­meinen, europäis­chen Rev­o­lu­tion, und ihr Bewußt­sein schwankt sicht­bar hinüber zu dem Kampfe der arbei­t­en­den Klassen gegen das Bürg­er­tum, nach­dem das­selbe die Aris­tokrotie der Geburt überwun­den und sich als Aris­tokratie gel­tend gemacht. König Friedrich Wil­helm M.18 hat in seiner klaren Seele, in seinem Herrscherin­stinkt den Abgrund der Epoche nicht bloß geahnt, son­dern sehr wohl erkannt. […]

All­ge­meine Zeitung (Augs­burg) Nr. 176, 24. Juni 1844

Preußen. Vom Rhein, im Juni. Das Ereig­nis im schle­sis­chen Kreise Reichen­bach führt zu den ern­stesten Betra­ch­tun­gen. Die Baum­wol­len­we­ber haben geplün­dert und demoliert, es hat eine Art Organ­i­sa­tion der Unord­nung stattge­fun­den. Von den Lein­we­bern hört man dage­gen keinen Exzeß, und ger­ade diese sind als bedürftig bekannt. War auch der Auf­s­tand nicht so gewaltig, als ihn einzelne Kor­re­spon­den­zen offen­bar in demokratis­chem Inter­esse geschildert, so mochte er doch mehr bedeuten, als man ihn amtlich beschrieben liest. Ein ange­blich gut unter­richteter Kor­re­spon­dent meldet, es sei aus Peter­swal­dau von einem hohen Gen­eral (v. Staff?) ein Bericht an das Kriegsmin­is­terium einge­gan­gen, wonach neben einzel­ner Not die Unzufrieden­heit wesentlich dadurch ent­standen, daß man eine Menge von Flugschriften ver­bre­itet habe, die, falsch begrif­fen, die Arbeiter gegen ihre Fab­rikher­ren auf­säs­sig gemacht hät­ten. Andr­er­seits meldet die >Aach­ener Zeitung<, ein in Schle­sien wohlbekan­nter Schrift­steller, Treumund Welp, sei im Auf­trag der Weber nach Berlin abgereist. Was bedeutet das? Es gab eine Zeit, da man der Presse alles Unheil zuschrieb, das nur irgendwo aus­brach; hof­fentlich ist jener amtliche Bericht (der veröf­fentlicht wer­den sollte) kein Erzeug­nis solcher Ansicht. Hätte wirk­lich eine Flugschriften­lit­er­atur im sonst so ruhi­gen, guten Schle­sien verderblich gewirkt? Hat­ten diese Flugschriften recht, und sind die Fab­rikan­ten wirk­lich so hartherzig, so unbeküm­mert um kör­per­liches und geistiges Wohl der Arbeiter, zahlen sie, anstatt in barem Gelde, in Waren, verkürzen sie die Arbeit­slöhne? Oder ereignet sich in der schle­sis­chen Fab­rik­welt bloß das­selbe wie ander­swo: Ver­min­derung der Arbeit durch Maschi­nen, Häu­fung von Reich­tum gegenüber der Bedräng­nis der Arbeiter, man­nig­fachere Gele­gen­heit zur Entsit­tlichung, wie dies überall stat­tfindet und noch neulichst Lord Ashley2° und Leon Faucher21 in bezug auf englis­che Zustände so schreck­lich geschildert haben? Gibt es in Schle­sien keine Volkss­chulen, kein Fab­rikge­setz (wie es durch die rheinis­chen Prov­inzial­stände ver­an­laßt wor­den), keine Sparkassen? Diese Punkte ver­di­enen jetzt rei­flich und ohne Auf­schub erwogen zu wer­den. Deutsch­land hat noch mehr Indus­triege­gen­den, überall kann ein­mal eine schlechte Kon­junk­tur ein­treten, einzelne böse Geis­ter deuten gern jeden Miß­s­tand aus — und sollen sich da Exzesse wie in dem sonst so heit­ern Lan­gen­bielau wieder­holen? Die schle­sis­che Presse selbst hat schw­er­lich Ver­an­las­sung gegeben; sie ist viel zu beson­nen. (Wir ver­weisen nur auf Sohrs tre­f­fliche Prov­inzial­blät­ter) Möglich, daß man dort nachteilig wirk­ende Flugschriften ver­bre­itet hat, aber es müßte dies bald öffentlich bekannt wer­den, damit man sich davon überzeuge. Eine solche Anklage gegen die Presse ist zu wichtig, als daß sie nicht entsch­ieden bewahrheitet wer­den müßte, wenn sie bewahrheitet wer­den kann. Aus ein oder zwei radikalen Pressen in Rheinland-Westfalen gehen allerd­ings jetzt sehr bekla­genswerte Pro­dukte her­vor, welche all­ge­meinen Genuß ver­sprechen, das Chris­ten­tum aufheben und eine Art von Hel­lenen­tum empfehlen, die Frauen emanzip­ieren wollen und wie all der läster­lich komis­che Unsinn heißt; sie wer­den unter­dessen weder im ber­gis­chen Lande noch in Biele­feld viel wirken, denn dort herrscht noch viel religiöser Sinn — in Schle­sien sind sie vielle­icht gar nicht gekannt. Die Schriftchen von Welp über schle­sis­che Fab­riken sind auf der einen Seite exaltiert, andr­er­seits engherzig, der Ton darin jeden­falls tadelnswert. So heißt es (Brief 1, S. 8): >Die Magen der Maschi­nen­hände müßten froh sein, mit Kartof­feln, Brot und Wasser gestopft zu wer­den, aber die Per­so­nen der Fab­rikbe­sitzer müßten Wild­braten und Austern mit Champa­gner hin­un­ter­spülen, damit es nur rutsche<; oder S. 22: >Wenn es ein­mal Kas­ten­we­sen geben muß, so ziehe ich die Adelsclique einer noch viel ärgern Geld­män­ner­clique bei weitem vor. Der Adel ließ sich auch wohl vom Volk füt­tern, gön­nte ihm auch kaum das nackte Leben und trug endlich das Seine zu mancher­lei Demor­al­i­sa­tio­nen bei; aber er pfer­chte die Men­schen nicht ein und erhielt dem Vater­lande wenig­stens kräftige Stre­iter.< Solche Schreib­weise kann nur erbit­tern; aber auch diese Flugschriften kön­nen nicht so bedeu­ten­den Ein­fluß gehabt haben, wenn die Fab­rikan­ten wirk­lich nach Kräften das ihrige tun, den nun ein­mal unver­mei­dlichen Ver­mö­gen­sun­ter­schied in etwa auszu­gle­ichen, wenn Kirche, Schule, Sparkassen, Kleinkinder­be­wahranstal­ten und ähnliche Mit­tel das min­der gebildete Volk heben und sich­ern. Die strenge Bestra­fung der Rädels­führer ist notwendig, sie muß aber weder allein erfol­gen noch allein bekan­nt­gemacht wer­den, man muß nach­forschen, woher auf ein­mal im friedlichen, fröhlchen Schle­sien diese Erschei­n­ung, ob die Not, ob Ungerechtigkeit einzel­ner Fab­rikan­ten, ob Ein­wirkung verderblicher Schriften sie ver­an­laßt, oder dies alles zusam­mengewirkt, und das Resul­tat solcher Unter­suchung muß gewis­senhaft und wahrhaft pub­liziert wer­den. Noch haben wir in der Tage­spresse wenig Stim­men des Tadels über die schändliche, auf keine Weise zu recht­fer­ti­gende Ver­let­zung des Eigen­tums gele­sen, und das tut uns leid. Nun wirke sie mit zur redlichen Unter­suchung in ver­söh­nen­dem Tone, und vergesse nicht, daß auch die Fab­rikan­ten ihre Rechte haben, die in ihrer Indus­trie durch Plün­derung gehemmt wur­den und die, wenn man sie schut­z­los ließe, keinen einzi­gen Arbeiter mehr beschäfti­gen wür­den. Was die >Trier’sche Zeitung< aus Bres­lau meldet, die Arbeiter hät­ten förm­liche Vedet­ten aufgestellt, mit Räu­bern im Böh­mer­walde sich verbinden wollen, ist wohl nur Phan­tasiege­bild aus einer Schiller­schen Rem­i­niszenz. […]
Das >Schwei­d­nitzer Kreis­blatt< enthält nach­ste­hende, von den zu Bres­lau erscheinen­den Zeitun­gen wieder­holte Bekan­nt­machung: >Bei der am 4. und 5. d. M. erfol­gten Beschädi­gung der Wohn– und Fab­rikge­bäude des Kauf­manns Zwanziger zu Peter­swal­dau und mehrerer Fab­rikbe­sitzer zu Lan­gen­bielau, ins­beson­dere des Kauf­manns Wil­helm Dierig, Friedrich Dierig, der Hand­lung Hilbert und Andret­zky, haben die Aufrührer die Waren­vor­räte geplün­dert, nach allen Seiten hin zer­streut und zum Teil sich in deren Besitz gesetzt. Viele Per­so­nen aus dem hiesi­gen und den benach­barten Kreisen, welche auch selbst nur als Zuschauer zuge­gen gewe­sen, haben einen Teil dieser Waren an sich genom­men und sind noch in dem Besitz der­sel­ben. Es ist zu hof­fen, daß die meis­ten dieser Per­so­nen dies nur um deshalb getan haben, um die Sachen ihren Eigen­tümern zu erhal­ten; und es ver­steht sich von selbst, daß diese ihren Eigen­tümern gegen ihren Willen ent­zo­ge­nen Waren den let­zteren zurück­gegeben wer­den müssen. Demgemäß wer­den sämtliche Orts­gerichte angewiesen, in ihren Gemein­den Haus für Haus die Auf­forderung bekan­ntzu­machen, daß jeder die von ihm in Besitz genomme­nen Waren und son­sti­gen Gegen­stände der vorgedachten Art sofort an die Orts­gerichte, unter Beze­ich­nung der Eigen­tümer der­sel­ben, welche teils aus der Beze­ich­nung, teils aus dem Orte, wo jeder diesel­ben in Besitz genom­men hat, zu erse­hen sind, bin­nen 24 Stun­den ablief­ere. Hier­bei ist die Bedeu­tung hinzuzufü­gen, daß alle diejeni­gen, welche die geplün­derten Sachen nicht frei­willig her­aus­geben und später in deren Besitz getrof­fen wer­den, die Ver­mutung gegen sich begrün­den, daß sie diesel­ben entwen­det haben, wonächst sie der streng­sten Ahn­dung der Gesetze nicht ent­ge­hen wer­den. Die Staats­ge­walt wird die lei­der auf kurze Zeit an mehreren Orten unter­broch­ene Ruhe und Sicher­heit mit allen ihr zu Gebote ste­hen­den Mit­teln wieder­herzustellen und zu schützen, jede fernere Nicht­be­fol­gung obrigkeitlicher Befehle aber aufs streng­ste zu strafen wis­sen. Zu dem guten Sinne der Gemein­demit­glieder darf ver­traut wer­den, daß diese sich beeilen wer­den, der vorste­hen­den Auf­forderung pünk­tlichst nachzu­fol­gen. Die Orts­gerichte fordere ich auf, die an diesel­ben etwa bere­its abgeliefer­ten und noch abzuliefer­n­den Sachen hier­her zu meiner weit­ern Ver­fü­gung zu übersenden, und wenn densel­ben bekannt ist, daß einzelne geplün­derte Sachen besitzen, ohne daß sie diesel­ben bin­nen 24 Stun­den her­aus­geben, diese ihnen ohne weit­eres abzunehmen und eben­falls unter Anzeige der betreffen­den Sachen und der näheren Umstände jeden­falls einzusenden. Lan­gen­bielau, 8. Juni 1844. v. Kehler24, als Kom­mis­sar­ius der Königlichen Regierung zu Breslau.<

Mannheimer Abendzeitung Nr. 150, 25. Juni 1844

Aus Schle­sien. Sie wer­den bere­its von dem in eini­gen Weberdör­fern Schle­siens aus­ge­broch­enen Auf­s­tande gehört haben. Was ist die Ursache? Jeder Weber, wie jeder andere Men­sch, dessen Gehirn und Herz noch nicht vertrock­net und ver­stein­ert sind, kön­nte es Ihnen sagen. Allein, der >dumme, beschränkte Proletarier-Verstand< ist zugle­ich so böswillig und ver­leumderisch, daß er nicht Glauben finden darf. — Die wahrhaft weisen Män­ner, sowohl die, welche sich Turmwarte der Zeit nen­nen, als jene, die, auf hochgeschichteten Geldsack-Pyramiden thro­nend, verächtlich auf das unten sich abplack­ende und geschun­dene >Gepö­bel< hin­blicken, wis­sen es besser, die Unruh­es­tifter, die Anreizer sind — die Zeitungss­chreiber! Diese sind es natür­lich auch, welche die >Weber-Revolte< ver­an­laßt haben. Obgle­ich es nun fest­steht, daß die Weber gar keine Zeitung lesen, daß es ihnen dazu an Geld wie an Muße gebricht, obgle­ich jeder Kundige weiß, daß die Weber von unsern Zeitun­gen eben­sowenig Notiz nehmen als der Kaiser von China, so kommt das alles nicht in Betra­cht. Sie sind ein­mal von den Artikeln über den elen­den Zus­tand der Armen, der arbei­t­en­den Klasse, aufgereizt und zur Empörung getrieben wor­den. Nicht ihre erbärm­lich belohnte Arbeit, nicht der Hunger, nicht die tausend­fachen Ent­behrun­gen gegenüber der reichen Ernte, den klin­gen­den Geld­stücken, der Pracht und Ver­schwen­dung, der Hartherzigkeit und dem Hohne der wohlhaben­den Fab­rikan­ten, Kap­i­tal­is­ten und Speku­la­teure brachte ihre ver­hal­tene Wut zum Aus­bruch, son­dern einige Tagesskriben­ten! — Trotz­dem kann ich nicht umhin, Ihnen auf der andern Seite das, was so im Volke über Ver­an­las­sung und Her­gang der Sache als Wahrheit gilt, zur Ver­gle­ichung mitzuteilen.
In Peter­swal­dau, allwo mehrere reiche Fab­rikan­ten und viel sehr arme Weber leben, befindet sich ein Haus der ersten Art unter der Firma: Zwanziger. Dieser Zwanziger, der, sowie seine Söhne und, dem edlen Beispiele nachah­mend, alle seine Kom­mis und Diener, den armen Weber von jeher hart und her­ab­würdi­gend behan­delt haben soll, fing nach Beendi­gung der diesjähri­gen Leipziger Oster­messe an, den Lohn der Weber nochmals her­abzuset­zen. Auf der Messe, erzählt man sich, habe er zwar sehr gute Geschäfte gemacht, der eine Sohn aber eben deshalb die Lohn­her­ab­set­zung vorgeschla­gen, weil dann die Leute genötigt wür­den, noch mehr Ware als jetzt in der­sel­ben Zeit zu liefern, wofern sie auch soviel ver­di­enen woll­ten als bisher. — Als Herr Zwanziger, in dessen Woh­nung man Trep­pen­gelän­der von Kirschbaum– und Mahag­o­ni­holz, Spiegelfen­ster, Tape­ten und Tep­piche und alles andere von beinahe fürstlicher Pracht fand, seinen in engen Stuben zusam­menge­drängten, auf mod­erigem Stroh und unter Lumpen und Lap­pen gelagerten und schlecht genährten Webern die Erniedri­gung des Lohnes ankündigte, machten ihm die let­ztern über solches Ver­fahren demüti­gende Vorstel­lun­gen. >Wir kön­nen uns ohne­hin kein Brot mehr kaufen, und wenn Sie uns noch das bißchen Lohn weiter verkürzen, so müssen wir, da das Bet­teln so streng ver­boten ist, vol­lends mit den Unsri­gen ver­hungern.< So sprachen die Weber. >Dann freßt Heu und Gras, es ist draußen reich­lich gewach­sen!< so tröstete der reiche Herr Zwanziger die verzweifel­nden Armen. […]

Fort­set­zung in Nr. 151 26.Juni 1844

Um auf unsere Weber zurück­zukom­men, bemerke ich noch, daß ihrer bere­its an 200 gefänglich nach Schwei­d­nitz gebracht sein sollen. Auf diejeni­gen, welche sich in die Wälder und son­sthin ent­fernt haben, wird von den Behör­den, namentlich durch die eigens dazu mit ihren Pfer­den und Knechten aufge­bote­nen Bauern, gefah­n­det. Die Unter­suchung ist in vollem Gange. Eine Kom­mis­sion ist vom Bres­lauer Ober­lan­des­gericht gekom­men, um die Sache beschle­u­ni­gen zu helfen. Strenge Bestra­fung steht den Schuldigen bevor, die aber vielle­icht die lebenslängliche Einsper­rung ins Zuchthaus als eine Gnade anse­hen, da sie hier wenig­stens nicht ger­ade hungern dürften und für ihre Kinder mög­licherweise in etwa gesorgt wird. Der Vorschlag, zur Auf­nahme einiger 60 000 armer Men­schen aus dem Gebirge für 10 bis 20 Mil­lio­nen Taler Arbeit­shäuser zu bauen, dürfte der Beach­tung
wert sein. Denn es scheint überall unter den Spin­nern und Webern eine dumpfe Gärung vorzuherrschen, und auch das übrige arbei­t­ende Volk spricht laut seine Teil­nahme für die Unglück­lichen aus. Das Ereig­nis in den bei­den Weberdör­fern hat ganz Schle­sien in eine fieber­hafte Span­nung ver­setzt.
Das Volk fühlt es vor­läu­fig mehr instink­t­mäßig, als daß es sich in seiner Total­ität klarge­wor­den wäre, daß es trotz seiner Mühe und Anstren­gung immer mehr mit seinem Schweiße und den Früchten seiner Arbeit dem nicht­stuen­den Kap­i­tal dien­st­bar und von ihm aus­ge­so­gen wird. Allein, es fängt an, über seine Lage nachzu­denken. Seine Teil­nahme an der Weberangele­gen­heit zeigt sich z. B. auch darin, daß das aus 25 Versen beste­hende Lied, welches die Weber in jenen bei­den Dör­fern gedichtet und gesun­gen haben, schon in den weni­gen Tagen von vie­len Tausen­den abgeschrieben ist. […]

Deutsche All­gmeine Zeitung Nr. 178, 26. Juni 1844

Berlin, 23. Juni. […] Nachträglich kommt uns ein Lokalblatt der Prov­inz Preußen zu, worin ein Kom­mis des Hauses Dierig in Lan­gen­bielau das, was er mit ange­se­hen, treuherzig und sehr lehrre­ich für das Ver­ständ­nis des inneren Lebens in der heuti­gen Bour­geoisie erzählt. In seinem ersten Brief schreibt er aus Lan­gen­bielau vom 4. Juni über die Vor­fälle in Peter­swal­dau, das bekan­ntlich mit Lan­gen­bielau rival­isiert. Der Mann schreibt ganz objek­tiv, sieht sich die Dinge mit philosophis­cher Ruhe an, ist kos­mopoli­tisch und human. >Unsere Weber<, sagt er mit vie­len unserer geistre­ichen Autoren, >befinden sich noch immer in sehr bedrängter Lage und sind zwar, so möglich, mit ihrem Schick­sale zufrieden, nur kla­gen sie über die Härte und Kälte, mit der sie von ihren Oberen behan­delt wer­den. Let­ztere Hand­lungsweise reizt sie aufs äußer­ste, wie Sie aus nach­ste­hen­dem erse­hen wer­den, und läßt sie in ihrer Wut ihre men­schliche Natur ver­leug­nen.< Nun folgt eine ziem­lich bemän­telte Schilderung (der Brief­steller sagt von den Webern, sie wären gereizt durch manche Motive) der Schreck­ensszenen in Peter­swal­dau, wir erfahren, daß die Tumul­tuan­ten die Spiegel und Öfen mit Äxten ein­schlu­gen und die Tapezierung der Wände ver­nichteten. Der Brief­steller aus Lan­gen­bielau schließt: >Nur auf dies eine Haus hat­ten es ‚die Leute’ abge­se­hen, sonst haben sie nie­man­dem Leid zuge­fügt. Man erwartet ehestens Mil­itär.< Der 4. Juni vergeht, der Fron­le­ich­nam­stag erscheint, und >die Leute‹, die bedrängten Leute, die von manchen Motiven gereizten Leute, die sich über die Härte und Kälte ihrer Oberen bekla­gen­den Leute kom­men nach — Lan­gen­bielau, wo unser Kom­mis sitzt. Hören wir ihn nun: >Die Kunde traf hier ein, ‚die Rebellen’ (so sind die kurzsichti­gen, schwachsin­ni­gen Men­schen heutzu­tage, also auf der poli­tis­chen Bühne, also im Kreise des Bürg­er­tums! Nir­gend eine Ahnung von dem sol­i­darischen Ver­band in den Autoritäten, von der durch­greifenden Kon­se­quenz zwis­chen Gesin­nung und Tat­sachen; in dieser Beziehung ist die Welt weit düm­mer gewor­den und macht täglich Rückschritte) wür­den auch nach Lan­gen­bielau herüberkom­men. ‚Der Pöbel’ hatte näm­lich bei dem Hause Hilbert und Andret­zky halt­gemacht, und als dort nichts mehr zu zer­stören war, wälzte sich der ganze ‚Raub­schwarm‘ unter Hurra-Geschrei nach der Fab­rik von Chris­t­ian Dierig.<. Also man merke wohl auf: Solange die Weber bloß in Peter­swal­dau plün­dern und wüten, sind sie gereizte Leute, die sonst nie­man­dem etwas zuleide getan; wie sie nach Lan­gen­bielau marschieren, sind sie >Rebellen<; wie sie beim näch­sten Nach­barn plün­dern, sind sie >Pöbel<; wie sie mit Äxten vor dem Hause des Herrn Dierig ste­hen, sind sie >Raub­schwärme<. Wahrlich, dieser Kom­mis gehört zu einem sehr großen Pub­likum! Er erzählt übrigens, den Tat­sachen nach, manches Neue: >Herr Friedrich Dierig rückte mit einem Beu­tel Geld nach dem andern her­aus, dies schien zwar anfangs auch zu helfen, bald mußte man aber die trau­rige Erfahrung machen, daß dieselbe Hand, die soeben Geld emp­fan­gen, noch in der­sel­ben Minute mit Steinen in die Fen­ster schlug .. . Selbst die Pol­ster wur­den mit Messern zer­schnit­ten, die Flügel und Tis­che mit Äxten zer­schla­gen … Herr Wil­helm Dierig hatte mit­tler­weile ein Gegen­corps zu errichten gesucht, und war dieses, unter­stützt durch eine Tafel, welche ‚Befriedi­gung’ ver­sprach, auch endlich zusam­menge­bracht wor­den. Mit diesem Haufen ging ein tüchtiger Mann, der sich mit einer ein­fachen Fahne verse­hen hatte, auf die Gegen­partei los und schlug sie in die Flucht, bei welcher Gele­gen­heit einer erschla­gen wurde .. . Man muß nicht glauben, daß Hun­derte fochten, nein, Tausende von Men­schen waren auf den Beinen, und fast der ganze Troß, der jetzt auf Dierigs Seite war, bestand aus Leuten, die vorhin zur Gegen­partei gehört hat­ten, die also nur durch Geld sich hat­ten din­gen lassen … Der Major trat her­vor und ermah­nte mehrmals zur Ruhe, widri­gen­falls er von schar­fen Patro­nen würde Gebrauch machen müssen. Er hatte noch nicht zu sprechen aufge­hört, als mehrere Steine nach ihm gewor­fen wur­den. Desse­nungeachtet ließ er noch nicht scharf feuern, son­dern erst durch Platz­pa­tro­nen das Volk schrecken … Die Zurück­ge­wor­fe­nen stürmten immer heftiger und in immer größeren Massen heran, und so sah sich das Mil­itär genötigt, abzuziehen … Es wäre gewiß zu solchen Exzessen nicht gekom­men, wäre das Schwei­d­nitzer Mil­itär uns sogle­ich zu Hilfe geeilt. Es steht nur zwei Stun­den von uns und kam erst in 24 Stun­den …< Soweit der lehrre­iche Kom­mis, dessen voll­ständige Briefe man nach­le­sen kann in der >Schaluppe zum Dampf­boot< vom 13. Juni, welches in Danzig erscheint.

Weser-Zeitung Nr. 149, 26. Juni 1844

Köln, 20. Juni. [. .] Die schle­sis­che Arbeiter-Revolte hat tiefen Ein­druck gemacht. Dies trau­rige Ereig­nis wird den soziale Erlö­sungs­the­o­rien, die in mehreren rheinis­chen Blät­tern geistre­iche Vertei­di­ger finden, unbe­d­ingtere Gel­tung als bisher ver­schaf­fen, da es auf so unwider­sprech­liche Weise nicht allein die Entar­tung unsres deutschen Indus­triewe­sens, son­dern auch die kläglichen Zustände der Gesellschaft im all­ge­meinen, namentlich die klaf­fende Spal­tung zwis­chen Kap­i­tal­is­ten und Pro­le­tari­ern zeigt. Auf­fal­l­end erschien es, daß die hiesige Zeitung einige Tage lang über die schle­sis­chen Unruhen nichts anderes mit­teilte, als was die >All­ge­meine Preußis­che Zeitung< brachte, während benach­barte Blät­ter aus­führliche Pri­vat­mit­teilun­gen enthiel­ten. Der Grund hier­von beruhte in einem Ver­bot der Regierung, das auf telegraphis­chem Wege von Berlin anlangte. Seit den let­zten Tagen scheint indes diese Maßregel aufge­hoben, da nun auch die ›Köl­nis­che< mehrere gediegene, im sozial­is­tis­chen Geiste geschriebene Artikel von Berlin über den Arbeit­er­aufruhr brachte. Beacht­enswert ist, daß die Expe­di­tion im gestri­gen Blatte eine Geld­samm­lung >für die armen Hin­terbliebe­nen der bei den jüng­sten unglück­lichen Ereignis­sen gefal­l­enen schle­sis­chen Weber< eröffnete.

Mannheimer Abendzeitung Nr. 153, 28. Juni 1844

Berlin, 22. Juni. Was wird die Regierung tun, um den armen­We­bern in Schle­sien zu helfen und einem kün­fti­gen Auf­s­tande der­sel­ben vorzubeu­gen? Diese Frage ist jetzt in aller Mund: aber nie­mand ist, der Antwort gibt. Man hört nur von der beab­sichtigten stren­gen Unter­suchung gegen die Aufrührer und der Bestra­fung der Rädels­führer. Als ein Schrift­steller, der über diese Angele­gen­heit geschrieben hat und dessen Name in der let­zten Zeit oft genannt wor­den ist, kür­zlich zum Min­is­ter Arnim kam, machte ihm dieser ger­adezu den Vor­wurf, daß er das Volk aufgewiegelt habe. So befindet man sich also in dem alten Irrtum. Die Presse ist an allem schuld, Mirabeau, Sieys und die paar anderen Schreier und Skriben­ten haben die Franzö­sis­che Rev­o­lu­tion gemacht. Durch strenge Strafen würde das Übel nur ärger gemacht. Dadurch bekä­men die Weber erst, was ihnen jetzt fehlt, poli­tis­ches Bewußt­sein. Sie wür­den erfahren, wie grausam unser Krim­i­nal­recht sei. Kön­nte jemand die Weber mit der ewigen Gefäng­nis­strafe schrecken wollen? Tausende von ihnen befinden sich in einer so elen­den Lage, daß die Gefäng­nisse für sie ein Palast sind! Und daß die Gefäng­nis­strafe ewig dauern werde, daran glaubt niemand. […]

Beilage zu Nr. 150 der priv­i­le­girten Schle­sis­chen Zeitung, 29. Juni 1844

Unsere nach­ste­hende Erk­lärung ist von dem hiesi­gen Herrn Zen­sor am 15ten d. M. gestrichen, jedoch auf die von uns erhobene Beschw­erde von dem Ober– Zen­surg­ericht zum Druck ver­stat­tet wor­den, was wir zur Ver­mei­dung von Mißdeu­tun­gen über die Ver­spä­tung vorauss­chicken wollen.

Erk­lärung
Noch tief gebeugt von dem furcht­baren Schlage, der uns am 5ten d. M. aus heit­erem Him­mel getrof­fen, müssen wir mit schmer­zlicher Entrüs­tung vernehmen, daß sich lieblose Gerüchte jetzt an die Ehre unseres Namens — wie jene zer­störungswütige und räu­berische Rotte an unser Eigen­tum, die Frucht langjähriger, mühevoller Arbeit — wagen. Wir sollen, so heißt es, die Verteilung von Geld ver­sprochen, damit begonnen, jedoch auf die Nachricht von der Ankunft des Mil­itärs innege­hal­ten und somit den Angriff der durch die Täuschung Gereizten gegen unser Etab­lisse­ment gewis­ser­maßen selbst ver­schuldet haben; ja, man geht so weit, unsern Schwa­ger, den Pas­tor Seif­fert, als den­jeni­gen zu nen­nen, der uns die erwäh­nte Nachricht gebracht und den Rat, innezuhal­ten, erteilt habe.
Wir weisen das Gerücht als lügen­haft und ver­leumderisch zurück. Nahe bedroht durch die in Lan­gen­bielau einge­drun­genen Frevler, riefen wir mit der Zusage einer Beloh­nung die Gut­gesin­nten zur Vertei­di­gung unseres Eigen­tums auf. Die Verteilung des Geldes begann, aber die damit Beauf­tragten ver­mochten bald nicht mehr die einzel­nen zu berück­sichti­gen. Eine unruhige, aufgeregte, sich fortwährend ver­größernde Masse drängte sich heran. Viele, die Geld emp­fan­gen hat­ten, traten mit neuem Begehr an sie, und, als sie in fre­undlichem Tone baten, die nötige Ord­nung zu erhal­ten, weil sie sonst nicht jedem gerecht wer­den kön­nten, stürzte sich plöt­zlich die Masse mit Wut­geschrei auf sie, entriß ihnen das Geld und zwang sie mit Mißhand­lun­gen zur schle­u­ni­gen Flucht. Dies ist die Tat­sache, welche jetzt von einem tück­ischen Gerüchte zur Folie benutzt wird, und hier­nach ist beson­ders die zu Mißdeu­tun­gen leicht Anlaß gebende, auch bei andern Punk­ten dur­chaus ganz unrichtige Darstel­lung der >All­ge­meinen Preußis­chen Zeitung<” zu berichti­gen. Wir unter­fan­gen uns nicht, die Motive der Ereignisse vom 4ten und 5ten hier unter­suchen zu wollen. Aber imstande, mit gutem Gewis­sen zu sagen, daß wir uns niemals irgen­deine Bedrück­ung, Härte oder Verkürzung gegen die 4000 Arbeiter, welche wir, zum Teil mit eige­nen Opfern, für unser Etab­lisse­ment bis jetzt beschäftigten, erlaubt haben und unaus­ge­setzt bemüht waren, die vater­ländis­che Indus­trie zu heben, wie auch bei den unglück­lich­sten Kon­junk­turen für den fleißi­gen und redlichen Arbeiter gute Arbeit­slöhne zu erhal­ten — dür­fen wir uns von jeder moralis­chen Ver­ant­wortlichkeit für das, was geschehen ist, freis­prechen.
Bres­lau, den 15. Juni 1844
Die Brüder Wil­helm und Friedrich Dierig
in Langenbielau

Aach­ener Zeitung Nr. 187, 6. Juli 1844

Die >Berlin­is­che Zeitung< enthält fol­gende Erk­lärung: >Um falschen Gerüchten und ferneren unrichti­gen Auf­sätzen in öffentlichen Blät­tern vorzubeu­gen, bringe ich hier­mit zur öffentlichen Ken­nt­nis, daß ich nicht die Weber bei dem Auf­s­tande in Peter­swal­dau am 4. d. M. durch Geld beschwichtigt, auch sel­bige von mir keines ver­langt haben, son­dern der Zweck ihres Kom­mens zu mir war nur allein der, mir mitzuteilen, daß mir und meinem Eigen­tum nicht der ger­ing­ste Schaden zuge­fügt wer­den sollte, indem sie zu jeder Zeit mit dem von mir für ihre Arbeit erhal­te­nen Lohne sowie auch mit der Behand­lung zufrieden gewe­sen wären. Nur einige waren darunter, welche mich um Bran­ntwein ansprachen; da ich aber mit diesem nicht genü­gen kon­nte und mochte, suchte ich sel­bige durch eine geringe Kleinigkeit an Geld zu befriedi­gen, wofür sie sich ein Glas Bran­ntwein kaufen kon­nten, um nicht unter ihnen durch eine gän­zliche Ver­weigerung eine Mißs­tim­mung her­vorzubrin­gen.
Peter­swal­dau, den 27. Juni 1844
Friedrich Wagenknecht<

Priv­i­le­girte Schle­sis­che Zeitung Nr. 156, 6. Juli 1844

Bekan­nt­machung
Sobald der Lan­drat von Prittwitz-Gaffron, Reichc­n­bacher Kreises, von den Exzessen in Peter­swal­dau Nachricht erhal­ten und sich an Ort und Stelle ver­fügt hatte, requiri­erte er sofort Mil­itär aus Schwei­d­nitz. Ein Detache­ment von 200 Mann unter dem Kom­mando des Majors Rosen­berger traf am 5ten d. Mts. mit­tags zu Peter­swal­dau ein, wo die Plün­derung aber schon erfolgt war. Als er sich dem­nächst mit 150 Mann nach Lan­gen­bielau begab, war das Haus der Kau­fleute Hilbert und Andret­zky daselbst schon geplün­dert. Am fiten d. Mts. trafen des Herrn Ober-Präsidenten Exzel­lenz und der Herr General-Major v. Staff, welchem das Kom­mando über die zusam­menge­zo­ge­nen und noch her­anzuziehen­den Trup­pen übertra­gen war, in der Gegend des Aufruhrs ein. Auch war die von Schwei­d­nitz her­beigerufene Ver­stärkung, 6 Kom­panien Infan­terie mit einer Bat­terie von 4 Kanonen, angekom­men. Schon in der vierten Mor­gen­stunde dieses Tages wurde unter Zurück­las­sung eines Kom­man­dos in Peter­swal­dau Lan­gen­bielau mil­itärisch besetzt. In dem let­ztern. sehr aus­gedehn­ten, von mehr als 12 000 Men­schen, die sich großen­teils von Baum­wol­len­we­berei ernähren, bewohn­ten Dorfe herrschte an diesen und den näch­st­fol­gen­den Tagen eine große Aufre­gung, indem sich fortwährend Haufen sam­melten, der größte Teil der Weber und son­sti­gen Handw­erker die Arbeit eingestellt hatte und mit ihren beutelusti­gen Frauen und Kindern in der Umge­gend herum­zo­gen und durch ihre Annäherung Schrecken unter den Fab­rikan­ten ver­bre­it­eten, auch alle Achtung vor dem Gesetz und den Behör­den aus den Augen set­zten.
Es gelang indes in weni­gen Tagen, die Ruhe wieder­herzustellen, indem die am meis­ten aufgeregten Ortschaften Lan­gen­bielau, Peter­swal­dau und Leut­manns­dorf mil­itärisch besetzt und die ganze Gegend mit Trup­pen dergestalt überzo­gen wurde, daß neue Zusam­men­rot­tun­gen nicht unbe­merkt bleiben kon­nten, an den bedro­hten Orten schle­u­nige Hilfe ein­traf, und die Überzeu­gung geweckt wurde, daß der Staat auf jede Weise die Unruhen zu unter­drücken entschlossen und bereit wäre. Dabei wur­den in den unruhi­gen Ortschaften starke Sicher­heitswachen aus Mit­gliedern der Gemein­den organ­isiert, welche sich möglichst in Verbindung set­zten und Tag und Nacht patrouil­lierten.
Die ermit­tel­ten Rädels­führer und straf­barsten Teil­nehmer des Aufruhrs sind unter Mitwirkung des Mil­itärs ver­haftet und nach Schwei­d­nitz trans­portiert. Die Zahl der seit­ens der Polizei Ver­hafteten beträgt gegen 70. In Gemäßheit der Verord­nung über das Ver­fahren bei Unter­suchun­gen wegen Aufruhrs und Tumultes vom 30sten Sep­tem­ber 1836, hat das hiesige Königliche Ober-Landesgericht eine Untersuchungs-Kommission ernannt, welche in Schwei­d­nitz seit dem 10ten d. Mts. mit Führung der Unter­suchung beschäftigt ist und sein­erzeit in betr­eff der recht­skräftig Verurteil­ten das Erken­nt­nis öffentlich bekan­nt­machen wird.
Neuere Exzesse sind bis heute nicht zu unserer Ken­nt­nis gelangt. Auch liegen uns noch keine sicheren Nachrichten darüber vor, daß die Zahl der infolge des Aufruhrs arbeit­s­los Gewor­de­nen erhe­blich wäre. Selbst diejeni­gen Fab­rikan­ten, welche sehr bedeu­tende Ver­luste zu bekla­gen haben, beschäfti­gen ihre Arbeiter wieder.
Zur sofor­ti­gen Unter­drück­ung etwaiger fernerer Unruhen befindet sich noch eine angemessene Mil­itär­ma­cht in Reichen­bach.
Über die eigentlichen Ursachen der stattge­habten aufrührerischen Bewe­gun­gen, Zer­störun­gen und Plün­derun­gen sowie die ferneren Fol­gen davon für die Fab­rikan­ten und die sei­ther von ihnen beschäftigten Arbeiter kann man bis jetzt nur Ver­mu­tun­gen haben. Auch läßt sich der bedeu­tende Wert des ver­nichteten und ger­aubten Eigen­tums mit Sicher­heit nicht angeben. Ein all­ge­meiner Not­stand hat sich bei den Webern jener Gegend keineswegs einge­fun­den; es fehlte ihnen im ganzen nicht an Arbeit, und ihr Lohn reichte zur Bestre­itung ihrer notwendig­sten Lebens­bedürfnisse aus.
Ins­beson­dere fän­den fleißige und geschickte Weber, bei gutem Betra­gen und Sparsamkeit, stets ihren Leben­sun­ter­halt, zumal die gewöhn­lichen Lebens­bedürfnisse bisher keineswegs ungewöhn­lich hoch waren. Auch kon­nten Tagear­beiter bei ländlichen Beschäf­ti­gun­gen in der Regel Ver­di­enst finden. Die Hauptschuldigen sind größ­ten­teils Men­schen, die im Rufe der Lieder­lichkeit standen.
Bres­lau, den 28. Juni 1844
Königliche Regierung Abteilung des Innern

Vor­wärts ( Paris) Nr.54, 6. Juli 1844

Die Weber am Riesen­ge­birge im Juni 1844

Im Kön­i­gre­iche des schwarzen einköp­fi­gen Adlers ging alles her­rlich! Seit Jahren schon wur­den die >unbe­que­men< Red­ner und Schrift­steller zur Ruhe gebracht oder ver­bannt; die >unan­genehmen< Geistes-Produkte noch vor dem Drucke erwürgt oder doch bald nach dem­sel­ben polizeilich eingesteckt oder in den Papier-Mühlen >auf höch­sten Befehl< einge­stampft. Die Zeitun­gen priesen täglich das unnennbare Glück des Volkes und seufzten pflichtschuldigst recht oft über die >bösar­ti­gen Leute<, welche ein bißchen mißvergnügt zu sein wagten. All­wöchentlich lasen die erstaunen­den Unter­ta­nen des angedeuteten Reiches, daß die Staatss­chuld ver­min­dert, die Steuer erniedrigt, Kirchen auf Kirchen gebaut, alte Dome aus­gebessert, die Sol­daten frisch eingek­lei­det, rote Adler mit und ohne Laub aus­geteilt, neueste Museen neben den neuen gegrün­det, Adels­diplome aus­geteilt wären. Sie lasen mit steigen­der Rührung, wie fromm christlich sie sel­ber gemacht wer­den, die königlichen Kammer-Junker dreifache Löh­nung, und wie sie, die bürg­er­lichen Bewohner des Lan­des, vor dem geheimen Gericht väter­liche Stockschläge bekom­men soll­ten. Ja, man las sogar in jenen Reichs-Annalen, daß viele nie gese­hene und nie gehörte Schaus­piele und Musik­feste, für den der Geld habe, aufge­führt und etliche Mil­lio­nen Taler dazu aus dem Staatss­chatz genom­men wür­den. Um den Luxus des Hofes geschmack­voll im großen zu betreiben, waren die geeignet­sten Anstal­ten getrof­fen: dadurch — so lehrten die weisen Zeitun­gen und die hohen Beschützer der­sel­ben — werde den Arbeit­ern Ver­di­enst gegeben und dem lästi­gen Übel des Volks-Elends >von oben herab< weit vorge­beugt. Übrigens baute man viele Eisen­bah­nen, um armes Gesin­del zu beschäfti­gen und von bösen Gedanken abzuhal­ten, wie auch um die Reichen fried­fer­tig (in der Angst um ihre Prozentchen) zu bewahren. Auch stach die schwarze Adler­flotte in See (beste­hend aus einem Kriegsschiffe),um der Welt Respekt vor dem Adler einzu­flößen. Alle Kanzeln rauschten vom Lobe der hohen Regierung, alle Schullehrer mußten ihren Schülern Lobpredigten auf­sel­bige ein­bleuen, und wenn ein alberner Pro­fes­sor dage­gen zweifelte, so jagte man ihn fort >mit aller­höch­ster Bewil­li­gung<. Welche Nation war dem­nach glück­licher als die in Rede ste­hende? […]
Da, im Juni 1844, zu Peter­swal­dau und Lan­gen­bielau in Schle­sien, standen eines Tags fün­f­tausend Weber — Stöcke, Messer, Steine in den magern Hän­den — und liefer­ten eini­gen Batail­lo­nen Sol­daten eine wütende Schlacht! Und sie räumten in den Palästen ihrer Fab­rik­fürsten auf, und ver­til­gten die Schuld­bücher und die Kred­it­briefe, aber sie stahlen nicht und bet­ro­gen nicht! Die Arbeiter in Bres­lau und die Schif­ferin Glun sprangen auch in die Höhe und set­zten sich erst, als ihnen die Reit­erknechte auf die Köpfe säbel­ten. — Der Adler aber erschrak.
Das geschah im >glück­lichen< Reiche? 1844? Ei, da haben entweder die Zeitun­gen vorher zuviel Rüh­mens gemacht vom dorti­gen Glücke, oder die fün­f­tausend Weber sind toll. O nein, sie sind bei Ver­stande! Die Sache ist sehr ein­fach: Diese Fab­rikar­beiter hungerten teils leib­lich, teils quälte sie geistiger, tief­ster Kum­mer ob der unseli­gen Lage, zu der sie der böse, heutige Zus­tand ver­dammt hatte. […]
Mit einem Worte: Zum ersten bedeu­ten­den Male auf vater­ländis­chem deutschen Boden, im sonst so stillen, gemütlichen Schle­sien, ist ein Vor­bote der sozialen Umän­derung aufge­taucht, der die Welt unaufhalt­sam im erhabenen Entwick­lungs­marsche der Men­schheit ent­ge­gen­wan­delt. — Laßt uns nicht den Stein wer­fen auf diese Fab­rik­fürsten als Per­so­nen; sie sind erzo­gen in dem alten verderbten Zus­tande der Ver­hält­nisse. Wohl wis­sen wir, daß auch oft sie der Konkur­renz erliegen und daß Geist und Herz und Ver­nunft ihnen längst umnebelt, ja aus­gelöscht sind durch die Zauberge­walt des Welt­ge­spen­stes, des Geldes. Aber unser ganzes Leben sei geweiht for­tan, den Mit­bürg­ern zu beweisen, daß, solange Pri­vathab­sucht, Monopol, falsche Wer­tung des Men­schen und der Gegen­stände, kurz, solange die Nation­alökonomie im alten Schlen­drian bleibt, keine men­schliche wahre Gesellschaft möglich ist.

Deutsche All­ge­meine Zeitung Nr. 189, 7. Juli 1844

Aus Schle­sien, 3. Juli. [. .] Man hat uns erzählt von der Hunger­snot im schle­sis­chen Gebirge, von der Not der Weber überhaupt, von den Bedrück­un­gen, die Kau­fleute und Fab­rikan­ten sich ges­tat­tet haben, man hat ungescheut einzelne Tat­sachen ange­führt, sich auf diesel­ben berufen, und diese Tat­sachen haben bei näherer Unter­suchung sich als falsch ergeben. Man hat uns nicht erzählt, wie die Unredlichkeit vieler Spin­ner und Weber seit länger als einem hal­ben Jahrhun­dert ebenso­viel wie ihre Ungeschick­lichkeit dazu beige­tra­gen hat, sie zugrunde zu richten. Es ist alles geschehen, das Volk in dem Wahne zu erhal­ten, ihre Lei­den seien unver­schuldet, ihre Bcschäftiger hat man verdächtigt und dadurch mit­tel­bar zu Haß und Aufreizung getrieben. Die Stim­men, die sich gegen diese Ansichten erhoben, wur­den entweder in dem all­ge­meinen Lärm überhört oder überschrien. Es ist von jener Seite nichts geschehen, dem Volke zu sagen: Raffe dich auf aus deiner Trägheit, deinem Stumpf­sinn, schaue um dich, rühre die Hände, gebrauche den Kopf, denke nach. Es ist nichts geschehen, ihm zu sagen, daß es schädlich sei, zu saufen und zu fiedern, in wilder Ehe zu leben und wenig zu arbeiten, daß es schmachvoll sei, anzuk­la­gen andere, und nicht auf sich selbst zu schauen. Die ihr geschrieben habt über die Not in unsern Bergen, habt ihr wirk­lich geschrieben infolge unmit­tel­barer Anschau­ung, habt ihr gründlich und gewis­senhaft unter­sucht, ob diese Not in Wahrheit in dem von euch beze­ich­neten Maße stat­tfand, und wenn, ob die von euch beze­ich­neten Motive die alleini­gen gewe­sen sind? Ger­ade weil wir nicht lichtscheu sind, weil wir die höch­ste Achtung vor der freien Presse haben und sie nicht her­abgewürdigt sehen wollen zur Dienerin der Schme­ichelei und der Ver­leum­dung, ger­ade deshalb sagen wir aus voll­ster Überzeu­gung, daß die Tage­spresse, welche sich mit der Darstel­lung der Weberver­hält­nisse beschäftigte, zum großen Teil Übertrei­bun­gen, halb­wahre, unwahre Tat­sachen brachte. [. .]

Priv­i­le­girte Schle­sis­che Zeitung Nr.157, 8. Juli 1844

Die neueste Nr. 6 des Ministerial-Blatts für die gesamte innere Ver­wal­tung enthält […] nach­ste­hende königl. Kabinetts-Ordre: >Ich habe wahrgenom­men, daß den ver­wahrlosten oder der nöti­gen Auf­sicht ent­behren­den Kindern, den durch Krankheit oder andere Unglücks­fälle in Hil­fs­bedürftigkeit ger­ate­nen Armen, den ent­lasse­nen, der Besserung fähi­gen Ver­brech­ern etc. an sehr vie­len Orten nicht diejenige Für­sorge gewid­met wird, welche drin­gend notwendig ist, um den großen Übeln zu steuern, welche aus der Ver­nach­läs­si­gung der Jugend in den niedern Volk­sklassen, dem Pau­peris­mus und der Hil­flosigkeit ent­lassener Sträflinge etc. her­vorge­hen. Abhilfe ist hier nur durch Vere­ini­gung vieler, aus innerem Antriebe wirk­ender Kräfte zu beschaf­fen, und es ist daher Mein Wille, daß die mit der Ver­wal­tung und Beauf­sich­ti­gung des Armen­we­sens beauf­tragten Behör­den die Förderung und Unter­stützung von Vere­inen, die zu jenen Zwecken frei­willig zusam­men­treten, auf alle Weise sich angele­gen sein lassen, und dieses hin­führo als eine ihrer Amt­spflichten erken­nen. In welcher Weise die Bil­dung solcher Vere­ine am wirk­sam­sten durch die Behör­den zu fördern und deren Tätigkeit mit sicherem Erfolge auf diesen Zweck hinzuleiten ist, darüber will ich Ihre gutachtlichen Vorschläge möglichst bald erwarten. Inzwis­chen haben Sie die Chefs der Prov­inzial­be­hör­den von Meiner Wil­lens­mei­n­ung vor­läu­fig in Ken­nt­nis zu set­zen und diesel­ben aufzu­fordern, diese Angele­gen­heit zum beson­deren Gegen­stand ihrer Aufmerk­samkeit und Bestre­bun­gen zu machen, und kräftigst dahin zu wirken, daß dort, wo es an der­gle­ichen Vere­inen jetzt noch man­gelt, solche baldigst durch Ihr Beispiel und Ihre Ermunterung ins Leben gerufen wer­den. Sanssouci, den 13. Nov. 1843. Friedrich Wil­helm.
An die Staatsmin­is­ter Eich­horn und Grafen v. Arnim.<

All­ge­meine Zeitung (Augs­burg) Nr. 197, 15. Juli 1844

Aus Schle­sien, 9. Juli. Man ist von eini­gen Seiten geneigt, die vor kurzem vorgekomme­nen bedauer­lichen Ereignisse in Lan­gen­bielau und Peter­swal­dau kom­mu­nis­tis­chen Umtrieben zuzuschreiben, ist aber damit im Irrtum. Eine kurze und wahre Darstel­lung der Lage der Sachen wird zeigen, daß der Auf­s­tand völ­lig impro­visiert war. In den genan­nten bei­den und einer Anzahl anderer Dör­fer des Reichen­bacher Kreises ist die Baum­wol­len­we­berei eine der Hauptbeschäf­ti­gun­gen der sehr zahlre­ichen Bevölkerung. Die aller­wenig­sten dieser Weber arbeiten auf eigene Rech­nung, son­dern die Mehrzahl bekommt die Garne von den Fab­rikan­ten und erhält einen fest­ge­set­zten Lohn. Die let­zten Jahre ging das Geschäft zwar ziem­lich schwung­haft, erlitt aber zwis­chen­durch Stock­un­gen, von denen die Fab­rikan­ten Ver­an­las­sung nah­men, den Lohn her­abzuset­zen. Mit­tler­weile wuchs die Zahl der Weber von Jahr zu Jahr und es ent­stand ein Drän­gen nach Arbeit, das den Fab­rikan­ten es leichter machte, den Arbeit­slohn beliebig zu verkürzen. Ger­ade in der neuesten Zeit ging es mit dem Geschäft recht gut, den­noch fand nicht nur keine Erhöhung dieses Lohns statt, son­dern einzelne Fab­rikher­ren wiesen die Weber, wenn sie eine solche in Anspruch nah­men, mit schrof­fen Reden zurück. Ein Fab­rikant in Peter­swal­dau, in dessen Haus großer Luxus herrschte, trieb es, so wie seine Kom­mis, beson­ders weit. Er ver­höh­nte die Weber, wenn sie ihre Not und ihr Elend darstell­ten. So füllte er das Maß bis zum Überfließen, und es brach gegen ihn der erste Sturm der Verzwei­flung los. Ähnlich wie mit diesem war es bei eini­gen Fab­rikan­ten in Bielau; daher, als man von den Vorgän­gen in Peter­swal­dau hörte, auch hier die Masse in Gärung geriet. Neben jenen Beze­ich­neten gibt es aber in den bei­den Dör­fern noch eine Menge andere, welche ihre Geschäfte zwar nicht so umfan­gre­ich betreiben, aber den­noch auch Tausende von Arbeit­ern beschäfti­gen. Diese hat­ten sich der Härte weniger schuldig gemacht, ja mehrere der­sel­ben standen bei ihren Webern so in Gunst, daß diese ihnen während des Aufruhrs Sicher­heitswachen stell­ten und ihnen auch nicht das min­deste versehren ließen. Daß einzelnes lieder­liches Gesin­del die Gele­gen­heit zum Plün­dern benutzte, darüber wird man sich nicht wun­dern, sowenig als darüber, daß Meuterer das Feuer zu schüren bemüht waren.

Vor­wärts! (Paris) Nr. 64, 10. August 1844

Am 27. Juli 1844 erschien in dem Pariser Exil-Organ Vor­wärts! ein Artikel unter der Überschrift “Der König von Preußen und die Sozial­re­form”. In ihm wertete der Junghegelianer Arnold Ruge (1802–1880), der noch Anfang 1844 zusam­men mit Karl Marx die Deutsch-Französischen Jahrbücher her­aus­gegeben hatte, die schle­sis­chen Unruhen als eine lokale Hunger-Revolte, die kaum geeignet sei, die Herrschen­den in Preußen zu erschrecken. Mit zwei lan­gen Artikeln im Vor­wärts! vom 7. und 10. August 1844 vol­lzieht Marx den ide­ol­o­gis­chen Bruch mit Ruge und gibt seine knappe Deu­tung des Weberaufstands.

Kri­tis­che Rand­glossen zu dem Artikel “Der König von Preußen und die Sozial­re­form. Von einem Preußen“
Von Karl Marx
(…)
Der “Preuße” stelle sich dage­gen auf den richti­gen Stand­punkt. Er wird finden, daß kein einziger der franzö­sis­chen und englis­chen Arbeiter-Aufstände einen so the­o­retis­chen und bewußten Charak­ter besaß wie der schle­sis­che Weber­auf­s­tand.
Zunächst erin­nere man sich an das Weber­lied, an diese kühne Parole des Kampfes, worin Herd, Fab­rik, Dis­trikt nicht ein­mal erwähnt wer­den, son­dern das Pro­le­tariat sogle­ich seinen Gegen­satz gegen die Gesellschaft des Pri­vateigen­tums in schla­gen­der, schar­fer, rück­sicht­sloser, gewalt­samer Weise her­auss­chreit. Der schle­sis­che Auf­s­tand beginnt ger­ade damit, womit die franzö­sis­chen und englis­chen Arbeiter-Aufstände enden, mit dem Bewußt­sein über das Wesen des Pro­le­tari­ats. Die Aktion selbst trägt diesen überlege­nen Charak­ter. Nicht nur die Maschi­nen, diese Rivalen des Arbeit­ers, wer­den zer­stört, son­dern auch die Kauf­manns­bücher , die Titel des Eigen­tums, und während alle andern Bewe­gun­gen sich zunächst nur gegen den Indus­trieherrn, den sicht­baren Feind, kehrten, kehrt sich diese Bewe­gung zugle­ich gegen den Bankier, den ver­steck­ten Feind. Endlich ist kein einziger englis­cher Arbeiter-Aufstand mit gle­icher Tapfer­keit, Überlegung und Aus­dauer geführt worden.

Weser-Zeitung Nr. 203, 28. August 1844

Bres­lau, 17. August. Gön­nen Sie mir in Ihrem auch hier sehr geachteten Blatte ein Plätzchen, wo ich mich über unsere Zustände frei und unver­hohlen aussprechen darf. Zunächst ein Wort über die Presse! Der aufmerk­same Beobachter wird schon längst zwis­chen preußis­cher und schle­sis­cher Presse unter­schieden und gese­hen haben, daß unsere Zeitun­gen, wie Aschen­brödel in der Ecke kauernd, an harten Brotrinden nagten, während ihre Schwest­ern, die rheinis­chen z.B., noch hier und da einen gesun­den kräfti­gen Bis­sen erwis­chten. In der Tat, wir sind wieder in dem Jahre 1839, wo wir von Glück sprechen kon­nten, wenn ein auf das Inland Bezug haben­der Artikel der Staat­szeitung unver­stüm­melt den Hän­den des Zen­sors entschlüpfte. Der erste verkrummte Weber­arm, der sich gegen das Eigen­tum des Herrn Zwanziger erhob, hat Schle­sien die Gle­ich­berech­ti­gung mit den übrigen Prov­inzen des preußis­chen Staates ger­aubt und uns einer Spezialver­wal­tung anheimgegeben, um die wir nicht zu benei­den sind. Der Ober-Präsident, Herr v. Mer­ckel, hatte schon längst mit Miß­bil­li­gung auf den Eifer gese­hen, mit dem sich unsere Presse der armen Spin­ner und Weber annahm, man sagt, weil er mit eifer­süchtel­nder Behar­rlichkeit die seiner Obhut anver­traute Prov­inz dem Könige als ein Eldo­rado geschildert. Als nun aber jene tragis­chen Szenen im Gebirge vor­fie­len, mußte er, um bei seiner Mei­n­ung zu bleiben, einen Grund auffinden, der diese Katas­tro­phe ver­an­laßt haben kön­nte. Natür­lich war es die Presse. Sogle­ich verord­nete er die Ver­stop­fung dieser Quelle wenig­stens für so lange Zeit, bis seine in einem detail­lierten Berichte niedergelegte Mei­n­ung von oben her konzes­sion­iert würde. Vom Wagen aus, der ihn nach dem Orte der Exzesse tra­gen sollte, dekretierte er ver­schärfte Zen­sur, und so ist es geblieben bis auf den heuti­gen Tag. Wenn man bis jetzt aber bloß ver­mutet, daß man in Berlin sich zu der v. Mer­ck­elschen Ansicht bekannt und für Schle­sien Spezial-Zensurinstruktionen gegeben habe, so ist es jetzt außer allem Zweifel. Einem hiesi­gen Pub­lizis­ten war ein Artikel vom Zen­sor gestrichen wor­den, der einige soziale Fra­gen behan­delte. Das für den Ver­fasser gün­stige Erken­nt­nis des Ober-Zensurgerichts kam aber zu einer Zeit an, wo die Weberun­ruhen schon aus­ge­brochen waren. Der Zen­sor strich den Artikel also noch ein­mal. Heute, also unge­fähr nach 2 Monaten, ist das aber­ma­lige Erken­nt­nis des Ober-Zensurgerichts auf die aber­ma­lige Beschw­erde des Ver­fassers jenes Artikels einge­gan­gen und lautet zugun­sten des Zen­sors. Es heißt darin, daß nach Art. X. des Edikts vom 18. Okto­ber 181932 die Erlaub­nis zum Druck nur auf ein Jahr gelte. Der Grund dieser Bes­tim­mung sei, daß die Beurteilung über Zuläs­sigkeit des Abdrucks durch die jedes­ma­li­gen Zei­tum­stände bed­ingt sei. Nun existiere aber eine Aller­höch­ste Ordre vom 14. Juli d. J., wonach >Besprechun­gen von Gegen­stän­den, welche die unteren Volk­sklassen gegen die höheren, die Armen gegen die Reichen aufzuwiegeln geeignet sein kön­nten, bis auf weit­eres den in der Prov­inz Schle­sien erscheinen­den Zeitun­gen, Wochen­blät­tern und Flugschriften gar nicht ges­tat­tet sein sollen<. Wir sind dem Ober-Zensurgerichte dankbar, daß es uns über unsere Lage endlich Gewißheit ver­schafft hat.

Weser-Zeitung Nr. 268, 13. Novem­ber 1844

Bres­lau, 7. Nov. “Magde­burger Zeitung” Die Untersuchungs­Kommission des hiesi­gen Königl. Ober­lan­des­gerichts, beste­hend aus dem Ober­lan­des­gericht­srat Bergius, Ober­lan­des­gericht­sasses­sor Wey­mar und Kam­merg­ericht­sasses­sor Pratsch, macht in der heuti­gen >Bres­lauer Zeitung< das Ergeb­nis der Krim­i­nalun­ter­suchung wider die Teil­nehmer an den schle­sis­chen Arbeiterun­ruhen im Juni d. J. bekannt.
1) In betr­eff des Tumults in Lan­gen­bielau sind 35 teils zu Festungs-, teils zu Zuchthausstrafe verurteilt wor­den, unter ihnen z.B. der Weber Burkhardt unter Ver­set­zung in die 2. Klasse des Sol­daten­standes, Ver­lust der Nation­alkokarde und des National-Militärabzeichens, zu neun­jähriger Fes­tungsstrafe, der Weber Umlauf wegen Tumults zu achtjähriger Fes­tungsstrafe, der Schuh­macher Rohleder unter Ver­set­zung in die zweite Klasse etc. zu sieben­jähriger Fes­tungsstrafe, der Weber A. Win­kler wegen Tumults zu 6 ½ jähriger Zuchthausstrafe und 30 Peitschen­hieben, der Weber Her­ford wegen Tumults und großen Dieb­stahls unter Ver­lust der Nation­alkokarde zu 6jähriger, der Weber Franke eben­falls zu 6jähriger Zuchthausstrafe, noch 3 wegen Tumults zu 6jähriger Fes­tungsstrafe, 5 zu 5jähriger, 6 zu 4 ½ bis 4jähriger, 12 zu 3 ½ bis 3jähriger Zuchthaus– oder Fes­tungsstrafe, 4 zu 2 ½ jähriger Zuchthaus-, 1 zu 1jähriger Fes­tungsstrafe. 2) In betr­eff des Tumults zu Peter­swal­dau wurde eben­falls gegen 35 erkannt, von denen 2 zu 5jähriger Zuchthaus– oder Fe­stungsstrafe, 3 zu 4jähriger Zuchthausstrafe, 16 zu 3 ½ bis 5jäh­riger Zuchthaus– oder Fes­tungsstrafe, 9 zu 2 ¼ bis 2jähriger Zuchthaus– oder Fes­tungsstrafe, 2 zu 1jähriger Zuchthausstrafe, die übrigen 4 zu milderen Strafen verurteilt wur­den. 3) In betr­eff des Tumults zu Frieder­s­dorf wur­den 11 verurteilt. Die höch­ste Strafe bestand wegen Tumults und Dieb­stahls unter Ver­lust der Nation­alkokarde in 6jähriger Zuchthausstrafe und 20 Peitschen­hieben, die ger­ing­ste wegen Tumults in 1 ½ jähriger Zuchthausstrafe. 4) In betr­eff des Tumults in Leut­manns­dorf wur­den von 6 Angeklagten 2 wegen Aufruhrs zu 4jähriger, 1 zu 3jähriger, 1 zu 2 ½ jähriger und 2 zu 2jähriger Zuchthausstrafe verurteilt.

Vor­wärts! (Paris) Nr. 95, 27. Novem­ber 1844

Vierundzwanzig Peitschen­hiebe und zehn Jahre Schan­zarbeit
So lautet das bekan­nte Urteil des Königl. Krim­i­nal­gerichtes zu Bres­lau gegen die Rebellen von Peter­swal­dau. Wenn eine Epoche dem Grabe zueilt, samt allen ihren Ein­rich­tun­gen und Geset­zen, samt ihrer Reli­gion und ihrer Moral, dann bäumt sie sich noch mehrmals wild empor in ganzer Scheußlichkeit, dann schleud­ert sie wütiger als je ihre Strafverord­nun­gen auf die Per­so­nen, welche als Vor­läufer der neuen Zeit Bahn brechen wollen. Es hat wieder ein­mal sich aufgerichtet, das blutbe­spritzte preußis­che Lan­drecht, das greise sündige Unge­heuer, und hat sich an Men­schen und Men­schen­blut gelabt.
Vierundzwanzig Peitschen­hiebe und zehn Jahre Schan­zarbeit … Wißt Ihr, was das heißt? Seht Ihr in oder bei den königlichen preußis­chen Fes­tun­gen ersten Ranges ein Rudel men­schenähn­licher Gestal­ten auf bren­nen­der staubiger Chaussee, im Wasser­graben, im Straßenkot, auf den Wällen die härteste, wider­lich­ste Arbeit ver­richten, die man nur Maschi­nen übergeben sollte, tra­gen sie eine schändlich dop­pel­far­bige Klei­dung, grün die eine, gelb die andere Hälfte von oben bis unten, ist ihr Hals in einen Ring geschlossen mit zwei weit hin­ra­gen­den Eisen­hörn­ern, schlep­pen sie Kette und Kugel am Fuß und marschieren Lin­ien­sol­daten mit gelade­nen Flinten neben­her: dann habt Ihr die preußis­chen Schanzver­dammten vor Euch.
Vierundzwanzig Peitschen­hiebe und zehn Jahre Schan­zarbeit.
— Wie das die tück­ischen Herzen der Regierungsknechte und der Kirchen­buben kitzeln muß! Sie reiben sich froh die Hände und blinzeln gen Him­mel und sprechen mit Sal­bung: also geschehe allen, die Gott, König und Geld lästern.
Vierundzwanzig Peitschen­hiebe und zehn Jahre Schan­zarbeit!
— Warum nicht lieber erschossen oder gehangen? Das wäre >zu radikal<, das wäre >nicht christlich<, das wäre >aufre­gend<, das wäre vor allen Din­gen dreist. Aber Deutsch­lands Tyran­nen sind feige Despoten, ebenso christlich wie ihre Unter­ta­nen.
Und wofür diese Strafe?
Dafür, daß sie durch die Fab­rik­fürsten in tief­ste Verzwei­flung gestürzt wor­den.
Dafür, daß ihnen endlich der Blick hell gewor­den, indem sie einge­se­hen, daß alle Men­schen Brüder sind und gle­ich und gle­iches Leben­srecht besitzen.
Dafür, daß sie den absoluten König höh­n­ten, ihn, der fün­fzehn Mil­lio­nen für The­ater und Kirchen ver­aus­gabt hat und sich einen Lan­des­vater nennt.
Dafür, daß sie Eigen­tum und Geld aufge­hoben wün­schten, indem ihr ein­facher Sinn richtiger sah als die aber­witzige Weisheit der Pro­fes­soren und Priester.
Dafür, daß sie endlich sel­ber Hand ans Werk legten und nieder­schmetterten, was ihnen als ver­wor­fen erschienen. Dafür vierundzwanzig Peitschen­hiebe und zehn Jahre Schan­zarbeit!
Die Pro­le­tarier Deutsch­lands haben hier eine Nieder­lage, aber nur zum Scheine, erlit­ten. Jene schle­sis­chen Weber sind die ver­lor­nen Posten einer siegre­ichen Zukunft. Wie jedoch dieselbe sich bew­erk­stel­li­gen möge, ob friedlich oder blutig, dieses wird von der Energie der friedlichen Pro­pa­ganda abhän­gen und von dem Grade der Bere­itwilligkeit, mit der die deutschen Priv­i­legierten die Ohren öffnen. Bricht aber das Schlimm­ste herein*, dann kön­nte eine neue Frage entste­hen, näm­lich: Ob der kleine deutsche König das ganze große deutsche Pro­le­tariat, oder ob umgekehrt das deutsche Pro­le­tariat den deutschen König zu Peitschen­hieben und Schan­zarbeit verurteilen wird? Die Lösung dieses let­zteren Dilem­mas bleibt der Geschichte überlassen.
* Wir hof­fen es nicht.

Tele­graph für Deutsch­land Nr. 165, Okto­ber 1844

Schreiben des Kom­mu­nis­tis­chen Arbeit­er­bil­dungsvere­ins in Lon­don an den Redak­teur des “Telegraphen für Deutschland”

Geehrter Herr Redak­teur!
Überzeugt von Ihren freisin­ni­gen und gerechten Grund­sätzen und aufge­mu­ntert durch Ihre Teil­nahme an dem trau­ri­gen Lose der arbei­t­en­den Klassen, nehmen wir uns die Frei­heit, Sie mit nach­fol­gen­der Bitte zu belästi­gen, und hof­fen, daß Sie uns die Erfül­lung der­sel­ben nicht ver­sagen wer­den.
Als uns näm­lich durch die deutschen Zeitun­gen die Nachricht von dem Arbeit­er­auf­s­tande in Schle­sien zukam und wir zu gle­icher Zeit das furcht­bare Elend ken­nen­lern­ten, welches densel­ben her­vorgerufen, kon­nten wir nicht anders, als den tief­sten und innig­sten Anteil an dem Schick­sale unserer unglück­lichen Mit­brüder zu nehmen. — Wir kon­nten und mußten mit ihnen und für sie fühlen, denn auch wir ste­hen in ähnlichen Ver­hält­nis­sen wie sie; auch unsere und unserer Fam­i­lien Exis­tenz hängt von der Laune eines Meis­ters ab, auch wir leben mor­gen von dem, was wir heute ver­di­ent haben; auch wir haben Hunger gelit­ten, ja wir lei­den ihn oft noch!
Ja! Wir fühlten und fühlen tief, wir erken­nen aber auch, daß bloßes Gefühl ohne Tat unfrucht­bar und unnütz ist; denn das Gefühl ist nur schätzenswert, wenn es uns zum Han­deln treibt. — Deswe­gen haben wir, eine Anzahl deutscher Arbeiter, eine Samm­lung für die schle­sis­chen Weber ver­anstal­tet, deren Betrag von sechs Pfund Ster­ling wir Ihnen hier­bei mit der inständi­gen Bitte übersenden, densel­ben wom­öglich an die Fam­i­lien der­jeni­gen gelan­gen zu lassen, welche entweder während der Unruhen geblieben sind oder jetzt infolge der­sel­ben im Gefäng­nisse schmachten. — Unser Scher­flein ist klein, aber wir haben getan, was in unseren Kräften stand. Muß doch heutzu­tage der Arbei­ter, wenn er seinen unglück­lichen Mit­brüdern helfen will, es an seinen notwendig­sten Bedürfnis­sen ers­paren!
Der Grund aber, warum wir unseren Beitrag bloß für die Fam­i­lien der Gebliebe­nen und im Gefäng­nis Schmach­t­en­den bes­tim­men, ist: weil wir diesel­ben als die Mär­tyrer der heuti­gen schlechten Organ­i­sa­tion der Gesellschaft betra­chten.
Freilich kön­nen wir Unruhen wie die schle­sis­chen und böh­mis­chen nur bekla­gen, weil wir wohl ein­se­hen, daß solche teil­weise Auf­stände nicht geeignet sind, unserem Stande diejeni­gen Rechte zu ver­schaf­fen, welche ihm gehören und welche er zu erlan­gen strebt; aber fern sei es auch von uns, unsere unglück­lichen Brüder anzuk­la­gen, selbst wenn sie uns Schaden brin­gen soll­ten. — Nein! Wir kla­gen die Gesellschaft an, die uns als Parias behan­delt; die uns alle Las­ten aufer­legt, die uns keine Rechte gewährt; die uns dem Elend und dem Hunger preis­gibt.
Ja, wir müssen und wollen unter allen Ver­hält­nis­sen mit unseren Lei­densgenossen sym­pa­thisieren, aber auch mit den Män­nern, deren Bestreben es ist, eine bessere soziale Organ­i­sa­tion der Gesellschaft und ins­beson­dere eine Organ­i­sa­tion der Arbeit her­beizuführen. Mit Ver­trauen blicken wir auf sie, welcher poli­tis­chen Mei­n­ung, welchem Stande sie auch immer ange­hören mögen, und wün­schen und hof­fen, daß es ihrem Streben gelin­gen werde, die große Auf­gabe des neun­zehn­ten Jahrhun­derts zu lösen — die Emanzi­pa­tion der arbei­t­en­den Klassen, des Pro­le­tari­ats. Wir von unserer Seite wer­den nichts fehlen lassen, um uns in den Augen der öffentlichen Mei­n­ung einer Emanzi­pa­tion würdig zu zeigen. Wir haben bere­its einge­se­hen, daß die bloße poli­tis­che Umgestal­tung eines Staates uns zu nichts dienen wür­de, als etwa von andern als unsern jet­zi­gen Meis­tern aus­ge­beutet zu wer­den, und aus diesem Grunde sind uns auch alle die Män­ner fremd, deren Streben rein poli­tis­cher Ten­denz ist. — Uns ist es gle­ich, ob der Staat monar­chisch, kon­sti­tu­tionell oder republika­nisch ist, solange er sich nur auf Gerechtigkeit grün­det.
Wir wollen uns endlich ein­mal aus dem Schlamme erheben, in welchem unser Stand schon seit so langer Zeit ver­sunken ist: — nicht durch Gewalt, son­dern durch Bil­dung unserer selbst, durch gute Erziehung unserer Kinder. Hierzu aber haben wir vor allem eine gesicherte Exis­tenz nötig. Nur wenn der fleißige Arbeiter immer Arbeit und eine seiner Arbeit angemessene Vergü­tung findet, nur wenn unsere heute uns zu Boden drück­enden materiellen Sor­gen erle­ichtert wer­den, kön­nen wir uns zur geisti­gen Frei­heit erheben und uns einer völ­li­gen Emanzi­pa­tion würdig machen.
Dieses, Herr Redak­teur, sind die Gefühle, welche uns bewogen, für unsere lei­den­den Brüder in Schle­sien eine Samm­lung zu ver­anstal­ten; möge unser Tun noch viele Nachah­mer finden. Dieses der Zweck, welchen wir uns vorgesteckt und welchen wir ohne Furcht frei und offen beken­nen in der fes­ten Überzeu­gung, daß er gerecht ist und daß er uns der Mitwirkung und des Beifalls aller rechtlichen Män­ner ver­sich­ern muß.
Indem wir, geehrter Herr Redak­teur, die Veröf­fentlichung dieses Briefes in Ihrem geschätzten Blatte Ihrem Gutachten anheim­stellen, bleiben wir mit größter Hochachtung
Ihre ergeben­sten
Im Namen und Auf­trag des deutschen wis­senschaftlichen Arbeit­er­vere­ins in Lon­don:
Karl Schap­per Joseph Moll Adolph Lund­mann Anton Müller A. Lehmann
Lon­don, den 21. Sep­tem­ber 1844

Der Sprecher oder: Rheinisch-Westphälischer Anzeiger Nr. 104, 28.Dezember 1844

Aus Schle­sien, den 14. Dezem­ber. Verteilung des von den deutschen Arbeit­ern in Lon­don den armen schle­sis­chen Webern gesende­ten Geldes.
Heute ver­sam­melten sich in dem Gasthofe zur Krone in Reichen­bach unter Gegen­wart der Her­ren Gerichtss­cholzen Neu­mann und Schn­abel aus Lan­gen­bielau sowie des Gerichtss­cholzen Herrn Schreyer aus Peter­swal­dau die von densel­ben aus­gewählten ärmsten Fam­i­lien aus diesen bei­den Gemein­den, welche entweder durch den Tod oder durch gefängliche Einziehung ihrer Ernährer in die drück­end­ste Not ver­setzt wor­den sind, um nach Ver­hält­nis der Bedürftigkeit die Unter­stützung in Emp­fang zu nehmen, welche das Mitlei­den und die Liebe der deutschen Arbeiter in Lon­don für sie gesendet. Der Betrag von 6 Pfund Ster­ling (40 Tlr. 15 Sgr. Preußisch Courant) war durch den Herrn Buch­händler Campe in Ham­burg nach Bres­lau übersendet, und ich, Fer­di­nand Pein­ert, Kan­di­dat der The­olo­gie in Olbers­dorf bei Reichen­bach, mit der Verteilung der­sel­ben betraut wor­den, welches ehren­vollen Auf­trages ich mich hier­mit entledige.
Mit Rück­sicht­nahme auf den biederen Brief der deutschen Arbeiter in Lon­don, welcher im >Tele­graph< und im >Sprecher< abge­druckt ist, und der den ver­sam­melten armen Weber­fam­i­lien vorge­le­sen wurde, waren erschienen:
emp­fan­gen
A. Aus Lan­gen­bielau Tlr. Sgr.
1) Frau Schindler, Witwe des gebliebe­nen
Fär­bers Schindler, hat 3 Kinder 4 -
2) Frau Winzig, Witwe des gebliebe­nen
Fär­bers Winzig, hat 3 Kinder 4 -
3) Der 80jährige Anlauf, dessen Sohn geblieben 2 15
4) Die alte Witwe Meyer, deren Sohn geblieben 2 15
5) Der Knabe Rauer, dessen Vater einge­zo­gen 2 -

B. Aus Peter­swal­dau, wo keiner geblieben

6) Frau Oer­tel, zwar ohne Kinder, aber schwanger

2

15

7) Frau Kube, hat ein Kind von 3 Jahren

2

15

8) Frau Schröer, hat 3 Kinder, wovon das eine die Schule besucht

3

15

9) Frau Schwarzer, mit 2 kleinen Kindern

3

10) Frau Koch, mit 3 Kindern und schwanger

4

11) Des Webers Gill­ner 3 Kinder, ohne Mut­ter, bei den Großel­tern in Pflege

3

15

12) Frau Hüb­ner, mit 1 Kind von 72 Jahr

2

15

13) Frau Krause, hat 1 Kind von 3 Jahren

2

15

14) Die alte Frau Ham­pel, deren Mann eben­falls einge­zo­gen ist, aber keine Kinder hat

1

15

Summa

40

15

Mit Trä­nen des Dankes grüßen die Empfänger ihre braven Brüder in der Ferne!
Zur Beglaubi­gung unter­schrieben:
Schn­abel, Ger.-Scholz
Neu­mann, Ger.-Scholz
Schreyer, dito aus Peter­swal­dau
Kand. Ferd. Pein­ert in Olbers­dorf, als Kom­mis­sionär
Zu vorste­hen­dem Pro­tokoll mag aus dem durch die Zeitun­gen pub­lizierten, vom Ober­lan­des­gericht zu Bres­lau gegen die Teil­nehmer an den schle­sis­chen Weber-Unruhen gefäll­ten Erken­nt­nisse bemerkt wer­den, daß von den Män­nern, deren Frauen und Kinder oben ange­führt sind, der Weber Koch zu 4 Jahren Zuchthaus und 20 Peitschen­hieben, der Weber Schreier (oder, wie oben, Schröer) zu 3 ½ Jahren Zuchthaus, die Weber Kube und Krause zu 3 Jahren Fes­tung, der Ziegel­stre­icher Ham­pel zu 2 ¼ Jahren Zuchthaus, der Weber Gill­ner und der Rauher Ertelt (oben: Oer­tel) zu 2 Jahren Zuchthaus, der Weber Schwarzer zu 2 Jahren Fes­tung und der Weber Hüb­ner zu 5 Jahren Zuchthaus und 30 Peitschen­hieben verurteilt wor­den sind.